"Tully": Eine Nacht-Nanny bringt Licht ins Leben

Polyfilm

Zunächst muss ich ein Missverständnis klären, dem ich selber eine Zeit lang aufgesessen bin. Das Filmplakat bildet zwar Charlize Therons Gesicht übergroß ab und weist den Schriftzug „Tully“ auf – dennoch sind die beiden nicht identisch, denn Theron spielt eine ganz andere Figur. Erst im Vorjahr hat sie in „Atomic Blonde“ eine knallharte Agentin verkörpert, die im Nahkampf ohne weiteres gegen mehrere Männer zugleich antreten konnte, doch als dreifache Mutter gerät sie diesmal mit abgeschlafftem Körper und ausgebranntem Geist an ihre Grenzen und ist auf fremde Hilfe angewiesen.

tully-4.jpg Polyfilm

Als Mutter Tag und Nacht aktiv

Ein Mutterleben am Belastungslimit

Mit Anfang 40 hat Marlo ihre wilde Zeit hinter sich gelassen und lebt mit ihrer Familie in einem New Yorker Vorort: die achtjährige Tochter und vor allem der verhaltensauffällige Sohn bringen sie ganz schön auf Trab, während der Ehemann von Haushaltsführung und Kindererziehung nicht viel wissen will, sondern einem Job nachgeht, der auch öfters Geschäftsreisen erforderlich macht. Als dann das dritte Kind da ist und Marlo Tag und Nacht beschäftigt, verwandelt sich die Frau bald in einen ferngesteuerten Zombie. Höchste Zeit, auf das Angebot des reichen Bruders einzugehen und eine sogenannte Night Nanny zu engagieren: die ermöglicht den gestressten Mamas nämlich, nach Einbruch der Dunkelheit endlich wieder durchzuschlafen, falls sie nicht zwischendurch für einen kurzen Babytrunk an der Mutterbrust geweckt werden müssen. Und so steht eines Nachts die wesentlich jüngere Tully (Mackenzie Davis) vor der Tür und erweist sich als patenter Kumpeltyp, der immer gut aufgelegt ist, jedes Problem meistert und lauter kluge Sätze von sich gibt – eine echte Bereicherung eben. Die beiden Frauen werden zu besten Freundinnen und Tully greift immer entscheidender in Marlos Leben ein (wovon auch der Ehemann auf erfreuliche Weise profitiert).

tully-3.jpg Polyfilm

Die Nacht-Nanny wirkt wahre Wunder

Eine junge Mary Poppins

Jason Reitman („Juno“, „Thank You For Smoking“) wirft einen ungeschönten Blick auf jenen lust- und leidvollen Alltagswahnsinn, den Mutterschaft oft bedeutet und erzählt zugleich beherzt eine inspirierende zeitgemäße „Mary Poppins"-Version; bloß verfügt diese junge Nanny über keine Zauberkräfte, sondern bringt alle Wunder nur durch ihr sonniges Gemüt zustande. So viel gute Laune wird einem fast unheimlich und wir sind direkt froh, wenn Tully gegen Ende Zeichen von Schwäche und Sorgen an den Tag legt, weil das ihre Menschlichkeit betont. Der Schluss wartet dann unverhofft mit einer ziemlichen Überraschung auf, zu der ich nur so viel sage:  wenn ich diese Kritik noch einmal schreiben müsste, würde ich weiter oben ein paar Sätze umformulieren.

9 von 10 Muttermilchvorratspackungen

franco schedl

Tully - Dieses verdammte Mutterglück

Tully - Dieses verdammte Mutterglück

USA 2018

Tully

Komödie
31.05.2018
Jason Reitman
Ein warmherziges, sensibles und humorvolles Portrait über Mutterschaft im Jahr 2018 mit Oscar-Preisträgerin Charlize Theron.

Kommentare