Daguerréotypes

 F 1974
Independent, Avantgarde 80 min.
film.at poster

Agnès Vardas ganz persönlicher Blick auf ihr Paris. Gleichzeitig aber auch ein Dokument des Alltagsleben in der Großstadt der siebziger Jahre.

Daguerréotypes ist kein Film über die pittoreske Rue Daguerre im 14. Arrondissement, es ist ein Film über einen kleinen Abschnitt der Rue Daguerre zwischen Nummer 70 und Nummer 90. Es ist ein bescheidenes und ortsbezogenes Dokument über ein paar kleine Geschäftsleute, ein aufmerksamer Blick auf die schweigsame Mehrheit, das Fotoalbum eines Stadtviertels, es sind stereo-daguerreotypische Porträts, Archive für Archäo-Soziologen aus dem Jahr 2975. Es ist meine Daguerre-Oper. Ich ließ ein Stromkabel vom Zähler meines Hauses weg legen, das Kabel maß 90 Meter. Ich beschloss, Daguerréotypes innerhalb dieses Radius zu drehen. Ich würde nicht weiter gehen, als das Kabel reichte. Ich würde etwas finden, das ich filmen konnte, hier, und keinen Schritt weiter. Ich hatte nicht die Absicht, einen politischen Film zu machen. Ich ging nicht hin und fragte die Leute: «Und das Finanzamt? Und die Steuern? Und die Zukunft? Verspürt ihr nicht den Wunsch nach Veränderung? Und wen wählt ihr eigentlich?» Ich suchte vielmehr nach einem vollkommen alltäglichen Zugang. Ich wollte ihren Lebensstil, ihre Gesten einfangen. Denn im Kleinhandel laufen ganze menschliche Beziehungen über die Gestik ab, es gab vieles, was mich faszinierte. Wichtig für einen Dokumentarfilmer ist, dass man es schafft, sich selbst zurückzunehmen. Nachdem man sich deklariert hat, nachdem man den Leuten gesagt hat: «Ich werde ausleuchten, ich werde da sein, aber danach vergesst mich.» Wenn sie uns vergessen, dann hat man Talent. Sie sind die Hauptpersonen. Nicht ich. Man sagt zu ihnen: «Wir fangen da an, wo das Fernsehen aufhört. Wir sind bei euch. Akzeptiert bitte, dass wir alles filmen und nicht nur das, was euch wichtig erscheint.» Die Arbeit des Dokumentarfilmers ist nicht nur Technik und Filmwissen. Sie beruht im Zugehen auf die Anderen, im Zuhören und natürlich in der Gabe, sie zum Reden zu bringen, aber in einer Situation, in der sie sich wohl fühlen. Ich habe eine alte Dame im «Chardon Bleu» gefilmt. Sie war schon etwas vergesslich. Außergewöhnlich. In einem Interview sagte ich einmal über sie: Sie ist ein Star. Sie ist Marilyn. Sie hat ein unvergessliches Gesicht! Leute, die den Film gesehen haben, haben mir 50-Franc-Scheine geschickt, um Blumen für sie zu kaufen. Und das bei einem Dokumentarfilm! Sie ist ganz einfach für diese Leute eine so starke Präsenz geworden, dass sie anfingen, sie zu lieben. Agnès Varda «Varda par Agnès» Cahiers du Cinéma & Ciné-Tamaris, 1994 (Übersetzung von Petra Metelko)

(Text: Viennale 2006)

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Agnès Varda
Nurith Aviv, William Lubtchansky
Agnès Varda

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