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Filmkritik
05/12/2020

„21 Gramm“: Melodram-Klassiker auf Netflix

Neben Neuerscheinungen im Wochentakt hat der Streaming-Gigant auch Altbewährtes in seinem Angebot.

von Oezguer Anil

Inzwischen gehört Alejandro Gonzalez Inarritu zu den erfolgreichsten Regisseuren unserer Zeit. Mit "Birdman" erhielt er den Oscar für den besten Film und mit „The Revenant“ verhalf er Leonardo DiCaprio zu seinem ersten Oscar-Erfolg. Inarritu gehört zusammen mit Guillermo del Toro und Alfonso Cuaron zu einer Generation mexikanischer Filmemacher, die Hollywood im Sturm erobert haben. Den ersten Schritt in die Traumfabrik machte der inzwischen 56-jährige Autorenfilmer mit dem Episodenfilm „21 Gramm“. Im 2003 veröffentlichten Drama erzählt er die Lebensgeschichte von drei Menschen, deren Wege sich durch schicksalhafte Ereignisse kreuzen. Die Handlung ist anachronistisch erzählt und die tragische Geschichte wird einem erst Schritt für Schritt klar.

Der Todkranke Paul Rivers (Sean Penn) wartet auf ein Spenderherz und wird in seinen letzten Wochen von seiner Frau Mary (Charlotte Gainbourg) gepflegt. Um auch nach dem Tod ihres Mannes mit ihm verbunden zu sein, will sie sich von ihm künstlich befruchten lassen. Parallel dazu genießt Christina Peck (Naomi Watts) ein idyllisches Familienleben mit zwei Töchtern und einem fürsorglichen Ehemann. Alles scheint für sie perfekt zu laufen, doch dann sterben ihre Liebsten bei einem Autounfall. Auch wenn sie zunächst nichts davon erfährt, rettet sie mit ihrer Entscheidung, die Organe ihres Mannes zu spenden, das Leben von Paul. Das tragische Trio wird vom Ex-Sträfling Jack Jordan (Benicio del Toro) vervollständigt. Jack ist ein gläubiger Christ, der sein altes Leben hinter sich lassen will und sich karitativ engagiert. Als er durch eine Unachtsamkeit am Steuer fast eine ganze Familie auslöscht, beginnt er an der göttlichen Güte zu zweifeln und verfällt wieder in alte Muster.

Inarritu ist ein Meister der episodenhaften Erzählung. Beireits in seinem Debutfilm „Amores Perros“ zeigte er, wie virtuos er mit mehreren Hauptfiguren und Zeitebenen umgehen kann. Bei Episodenfilmen besteht stets die Gefahr, dass man den Überblick über die Haupthandlung verliert und die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Figuren zu lose sind. „21 Gramm“ spielt am Anfang gekonnt mit der Verwirrung des Zusehers, um am Ende alle Fäden wieder zusammenzuführen. Das liegt einerseits an einem tollen Schnitt und andererseits an dem fantastischen Drehbuch von Guillermo Arriaga. Diesen Erzählstil perfektionierten die beiden mit ihrem 2006 erschienenen Meisterwerk „Babel“, für das der mexikanische Filmemacher in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.

21 Gramm“ ist ein Melodrama der besonderen Art. Die Geschichte ist voll von existenziellen Konflikten, die ihre Figuren und den Zuseher an den Rand der Verzweiflung bringen. Auch wenn es immer wieder zu Musikeinsätzen kommt, weiß Inarritu in den Schlüsselmomenten auf die Bremse zu treten und die Würde seiner Charaktere zu wahren. Er bedient sich eines dokumentarischen Stils, bei dem die Kamera mitten im Geschehen ist und ständig in Bewegung bleibt. Neben seiner emotionalen Wucht beschäftigt sich das Drama auch mit intellektuell anspruchsvollen Themen und behandelt seine moralischen Fragen in Bezug auf Religion, Rache und Vergebung mit höchster Präzision.

Das Schauspielensemble ist gespickt mit Stars. Sean Penn schafft es, seiner leidenden Figur egoistische Züge zu verleihen, die einem stets im Unklaren lassen, was er als nächstes vorhat. Benicio del Toro verkörpert den nach Erlösung suchenden Sträfling mit einer derartigen Wärme, dass man sich wünscht, man könnte die Zeit für diesen geschundenen Mann zurückdrehen. Naomi Watts transportiert die unsagbaren Gefühle einer Mutter, deren gesamte Existenz ausgelöscht wird, mit einer derartigen Kraft, dass man nur zuschauen und staunen kann. Del Toro und Watts wurden für ihre Darstellungen jeweils für einen Oscar nominiert. Sean Penn erhielt auf den Filmfestspielen von Venedig den Preis als bester Hauptdarsteller, wobei er keine Oscar-Nominierung erhielt, da er gleichzeitig für seine Leistung in „Mystic River“ nominiert und ausgezeichnet wurde.

Das Frühwerk von Inarritu ist zurzeit auf Netflix zu sehen und hat in den letzten 17 Jahren nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Ein herzzerreißendes Drama, das man sich öfters anschauen kann.

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