Jesus Christus Erlöser

 D 2008

Jesus Christ Saviour

Dokumentation 84 min.
film.at poster

Am 20. November 1971 möchte Klaus Kinski die "erregendste Geschichte der Menschheit" erzählen - das Leben von Jesus Christus. Doch er kommt nicht dazu.

Berlin, Deutschlandhalle, 20. November 1971. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, tritt Klaus Kinski auf. Schulterlanges Haar, einfache Jeans, ein Hemd mit Blumen- und Punktmustern. Ohne Kulissen, ohne Bühneneffekte, ohne Kostüm. Kinski rezitiert seinen eigenen Text «Jesus Christus Erlöser» und realisiert damit ein Projekt, mit dem er sich schon über zehn Jahre beschäftigt hat. Es soll eine hochemotionale, ganz auf die Stimme des Schauspielers reduzierte Erzählung werden. Doch das aufgebrachte Publikum lässt ihn nicht reden, unterbricht Kinski immer wieder mit Zurufen und Provokationen. Von seinem «wichtigsten Vortrag» (Kinski), der sich letztlich sechs Stunden hinzog, gibt es lediglich 134 Minuten Filmmaterial, die Peter Geyer hervorragend zu einem 84-Minuten-Film zusammengeschnitten hat. Ein großartiges Zeitdokument und seltsamerweise der einzige Bühnenauftritt von Kinski, der filmisch dokumentiert ist. Kinski präsentiert dabei nicht so sehr (oder erst am Ende) den sanften Versöhner, sondern den aufrührerischen, antiinstitutionellen Jesus, der sich mit denen verbündet, die bei 68er-Theoretikern wie Marcuse und Lyotard die Rolle des Proletariats auf dem Weg zur Weltrevolution übernommen hatten: «Randgruppen» (Marcuse) oder «Patchwork der Minderheiten» (Lyotard). Also Junkies, Kriegsdienstverweigerer, weinende Mütter in Vietnam, Huren, Trinker, Kriminelle. Deshalb ist es umso befremdlicher, dass er immer wieder mit beleidigenden Zwischenrufen - «Du hast doch selbst nie gearbeitet», «Der hat doch schon seine Million» - unterbrochen wird. Diese führen dazu, dass er seinen Vortrag gegen die Zuschauer richtet; dass er sich immer besser in seine Rolle hineinsteigert. Jesus Christus Erlöser dokumentiert nicht nur einen großartigen Auftritt Kinskis, sondern auch die Dummheit und selbstzufriedene Kulturfeindschaft eines Teils der 68er, die - nachdem Kinski zum x-ten Mal die Bühne verlassen hatte - im vielstimmigen Chor «Kinski ist ein Faschist» skandieren. (Detlef Kuhlbrodt)

(Text: Viennale 2008)

Details

Klaus Kinski
Peter Geyer
Florian Käppler, Daniel Requardt
Klaus Kinski

Kritiken

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User Kritiken


  • Der Verrückte in Höchstform... unbedingt sehenswertes Zeitdokument, wird aber im Anschluss an die Viennale im Top-Kino gegeben, kann also während des Festivals beruhigt ausgelassen werden.