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Filmkritik
05/22/2019

„Under the Tree“: Der Baum muss weg!

In den letzten Jahren haben sich die Isländer nicht nur als Fußball- sondern auch als Filmnation etabliert.

von Oezguer Anil

Nachdem Atlis (Steinþór Hróar Steinþórsson) Frau Agnes ihren Mann beim Masturbieren zu einem von ihm vor Jahren mit seiner Ex-Freundin gedrehten Porno entdeckt, wirft sie ihn aus dem Haus und verwehrt den Kontakt zu der gemeinsamen Tochter. Um die Ehekrise zu überbrücken zieht der junge Vater zurück zu seinen Eltern, bei denen er Energie für seine Rückkehr ins Familienidyll sammeln möchte, doch auch die stecken in einer Krise. In einem unerbittlichen Nachbarschaftsstreit mit Konrad und seiner zu jungen Ehefrau, verhärten sich die Fronten. Atlis Eltern sollen ihren Baum im Garten fällen, da er die Sonnenstrahlen für ihre Nachbarn abhält. Ein Streit, bei dem vermeintlich nur eine Familie gewinnen kann.

Hitchcock-Flair

Die isländische Tragikomödie spielt stets mit den Erwartungen des Zusehers. Von der ersten Szene an stellt man sich die Frage, ob man hier überhaupt lachen darf, diese Ambivalenz ist einer der großen Stärken von „Under the Tree“. Die durch den Baum verursachte schattige Atmosphäre weckt Erinnerungen an den Film-Noir und Hitchcock-Filme – und das weiß der Regisseur, weshalb die Spannungsbögen bis auf die Spitze und darüber hinaus getrieben werden, bis sich der Schrecken in schallendes Gelächter überträgt. Das nüchterne Schauspiel der Darsteller kontrakariert die absurden Konflikte und wirkt wie ein Kommentar auf das europäische Arthauskino, in dem stets mit ernster Miene große Probleme behandelt werden.

Einfache Geschichte

Durch die einfach gestrickte Handlung schafft es Regisseur Hafstein Gunnar Sigurdson ein großes Publikum anzusprechen, ohne sich um lokale Eigenheiten Gedanken machen zu müssen. Der Film wirkt dadurch wie eine Art Sketch und arbeitet visuell ähnlich wie ein Comic. Der moralische Verfall der verfeindeten Nachbarn wird in klaren Bildern erzählt, bei denen man stets den Überblick über die zahlreichen Figuren behält. Einzig und allein die Lichtsetzung wirkt stellenweise stümperhaft. Um den großen Schatten, den der Baum wirft, zu erzählen, verbannte man jede direkte Sonneneinstrahlung in den Innenräumen, weshalb einige Bilder wenige Kontraste haben und flach wirken.

Die schleichende Islandisierung

Island ist durch seine atemberaubende Landschaft ein beliebter Drehort für zahlreiche Hollywoodproduktionen geworden, aber hat es auch in den letzten Jahren mit seinem eigenwilligen Humor geschafft, heimische Filme auf internationalen Festivals zu platzieren. Nach dem Welterfolg von „Sture Böcke“ ist „Under the Tree“ die nächste lakonische Komödie aus Island, die für internationale Anerkennung sorgt und auch beim Publikum gut ankommen dürfte.

Weil ein Baum im Garten die Terrasse nebenan beschattet, bricht ein Nachbarschaftsstreit auf Isländisch aus.