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06/07/2021

Die 10 besten Kammerspiel-Filme aller Zeiten

Drama auf engstem Raum: Mit Kammerspielen wird der Minimalismus episch. Und Gefühle explodieren.

von Manuel Simbürger

Spätestens seit Corona wissen wir: Beinahe das gesamte Leben kann sich in den eigenen vier Wänden abspielen. Hollywood machte sich dies aber schon lange vor der Pandemie zunutze und kreierte, basierend auf dem Kammerspiel des Theaters, das Genre Kammerspiel-Filme. 

Nur ein einziger Ort dient als beengter Spielraum, das Eingesperrt-Sein ist Mittel für Kunst und zwingt die Protagonist*innen, sich miteinander und vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. Gefühle schlagen bekanntlich dann die größten Wellen, wenn sie keine Möglichkeit zur Flucht haben.

Zudem liegt der Fokus auf den Dialogen und somit auch unvermeidlich auf der Darstellungskunst des Casts. Die Ausstattung ist meist recht minimalistisch (wie im Theater eben), zudem greift der Kammerspiel-Film jenen Aspekt auf, von dem schon Aristoteles in seiner "Poetik" sprach: die Einheit von Zeit, Ort und Handlung und somit eine Verdichtung dieser Faktoren sorgt für das größtmögliche Drama. Auch Naturalismus und Realismus werden in diesem Genre ganz groß geschrieben. 

Action-Fans könnten sich mit Kammerspiel-Filmen also etwas schwer tun, Charakterdrama- und Thriller-Liebhaber*innen werden von ihnen begeistert sein. Kammerspiele sind effektive emotionale Filmgemälde, eindringlich und zeitlos zugleich. Man könnte auch sagen: Will man maximale Wirkung mit minimalen Mitteln und mit wenig Großes erreichen, greift Hollywood gerne zu diese Art von Filmen zurück.

Die 10 besten Filme, die in einem Raum spielen:

Der Gott des Gemetzels (2011)

Eines der allerbesten Paradebeispiele des Genres – und bitte nicht vom Titel in die Irre führen lassen, denn Splatter- und Gewalt-Orgien sucht man hier vergebens. Stattdessen aber gibt's psychologische Kriegsführung en masse, gemetzelt wird hier (fast) ausschließlich verbal.

Als sich die beiden Söhne am Spielplatz prügeln, rufen deren Eltern eine Krisensitzung zusammen: Die Cowans (Kate Winslet und Cristoph Waltz) sind bei den Longstreets (Jodie Foster und John C. Reilly) eingeladen, um die Situation zu klären. Bald aber zeigt sich, auch dank Alkohol und unterdrückten Aggressionen, dass die Streitlust eher bei den Erwachsenen als bei den Kindern liegt. Eine Eskalation scheint unvermeidlich ...

Roman Polanskis Verfilmung des berühmten Theaterstücks von Yasmina Reza ist pechschwarze Gesellschafts-Satire, die ihren Finger auf die offene Wunde drückt und nicht daran denkt, zum Verbandszeug zu greifen. Das Psychodrama setzt auf humoristischen Sozialvoyeurismus und natürlich auf seinen Top-Cast: Winslet, Foster, Reilly und Waltz haben weder Angst vor der Nähe der Kamera noch vor emotionalen Ausbrüchen. Top!

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Cocktail für eine Leiche (1948)

Nicht nur ein Genre-Klassiker, sondern auch der erste Farbfilm von Alfred Hitchcock und eines der experimentellsten Werke des Regie-Genies: "Cocktail für eine Leiche" spielt nicht nur in einem einzigen Raum, sondern wurde scheinbarauch ohne jeglichen Schnitt gedreht. Auch wird die Story ein Echtzeit erzählt – lange vor "24"

Ein schlichter Mord war Hitchcock allerdings zu wenig, im Rahmen der Handlung setzt er sich auch mit Nietzsches Theorie des Übermenschen auseinander und lässt seine Figuren darüber philosophieren, ob ein Mord gerechtfertigt ist, wenn er von einem "Übermenschen" begangen wird (was natürlich streng verneint wird). Kritiker*innen sehen darin einen metaphorischen Überbau zum Holocaust.

Und darum geht's: Die beiden überheblichen Studenten Brandon (John Dall) und Philipp (Farley Granger) sind überzeugt davon, dass es den perfekten Mord gibt – zumindest, wenn sie ihn begehen! Also töten sie ihren Freund David und verstauen dessen Leiche in einer Truhe in ihrem gemeinsamen Apartment. Dort findet kurz darauf ein Dinner mit Verwandten, Freunden und ihrem Professor Rupert Cadell (James Stewart) statt. Und genau der ahnt bald, dass hier irgendwas faul ist ...

Krass: Das Theaterstück "Party für eine Leiche" von Patrick Hamilton, auf dem der Film basiert, beruht auf wahren Begebenheiten. Heißt: "Cocktail für eine Leiche" ist nicht nur ein Kammerspiel-Film, sondern auch True Crime!

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Die zwölf Geschworenen (1957)

Zwölf sich fremde Männer müssen als Geschworene im Juryraum über das Schicksal eines Jungen entscheiden: Hat dieser seinen Vater umgebracht? Die Beweislage scheint klar zu sein, elf Männer stimmen für "schuldig" – nur Zeuge Nummer 8 (Henry Fonda) nicht. Er möchte den Fall nochmals in Ruhe aufrollen. Nicht zuletzt aufgrund der unerträglichen Hitze im Raum kommt es zu einer erbitterten Diskussion, in deren Verlauf die Geschworenen mit ihren eigenen Vorurteilen und Fehlentscheidungen konfrontiert werden.

"Die zwölf Geschworenen" gilt als einer der besten Filme aller Zeiten und vermittelt dank experimenteller Kameraführung das Gefühl der Klaustrophobie auch auf die andere Seite des Bildschirms. Das verbale Duell unter den Männern wird zur existenzialistischen Debatte – und nicht nur, weil tatsächlich ein Menschenleben auf dem Spiel steht. Die Schauspieler sind großartig und agieren mit vielen kleinen, manchmal aber auch großen Gesten. 

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Moon (2009)

Drei Jahre lang lebt Sam Bell (Sam Rockwell) bereits auf dem Mond, ganz allein. Dort ist er für die Überwachung des Abbaus von Helium-3 zuständig. Dieses kostbare Gas könnte der Energiekrise auf der Erde ein Ende bereiten. Die Einsamkeit hat ihm Zeit gegeben, sich Gedanken über die Fehler seiner Vergangenheit zu machen. Bald ist seine Arbeit beendet, in zwei Wochen kann er wieder auf die Erde und zu seiner Familie zurück. Plötzlich aber ist da ein weiterer Mann, der genauso aussieht wie er selbst. Sogar Computer Gerty (Kevin Spacey) ist ratlos. Droht Sam, verrückt zu werden?

"Moon" erzählt von der beklemmenden Einsamkeit inmitten der Unendlichkeit des Weltalls und ist eine tiefgreifende Charakterstudie, die die quälende Frage, was ein Mensch überhaupt ist, in den Fokus stellt. Da Sam Rockwell, der hier aufs schauspielerische Ganze geht, in einer Doppelrolle zu sehen ist, ist "Moon" sogar ein Drei-Personen-Stück mit nur einem Schauspieler. Außergewöhnlich, aber grandios!

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The Breakfast Club (1985)

Einer der berühmtesten Kammerspiel-Filme und wohl jener Streifen, der seit seinem Erscheinen am häufigsten zitiert wird – und der Nachsitzen hip machte:

Unter den (eigentlich so gar nicht) wachsamen Augen des Lehrers Richard Vernon (Paul Gleason) müssen fünf High-School-Schüler*innen nachsitzen. Diese (unter anderem Molly Ringwald und Emilio Estevez) könnten unterschiedlicher nicht sein, jede/r von ihnen lässt sich perfekt in eine Teen-Charakterschablone pressen: der Streber, der Rebell, das Sport-Ass, die reiche und verwöhnte Zicke sowie die Gothic-Liebhaberin.

Ihre Strafe fürs Fehlverhalten: einen Aufsatz über ihre eigene Persönlichkeit schreiben. Natürlich sind die Pubertierenden alles andere als begeistert – doch schon bald merken sie, dass sie mehr gemein haben, als zuerst gedacht.

Die Mutter aller Teen-Filme war der erste, der die Sorgen von Jugendlichen wirklich ernst nahm und diese aus deren Perspektive erzählte, Erwachsene sind hier nur nettes (und nerviges) Beiwerk. Neben der einfühlsamen Message über Toleranz lässt sich auch Kritik am einengenden Schulsystem erkennen. Ein zarter Mix aus Melancholie und Hoffnung sowie eine Hommage auf Andersartigkeit – heute genauso aktuell wie vor 35 Jahren.

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Das Fenster zum Hof (1954)

Wenn wir schon bei Filmen sind, die erheblichen Einfluss auf die Popkultur haben: "Das Fenster zum Hof" ist eines der besten und erfolgreichsten Werke von Alfred Hitchcock (der Suspense-Meister schien Kammerspiele zu lieben!). Die packende Geschichte rund um einen Mann im Rollstuhl, der von seinem Fenster aus einen Mord beobachtet, ist unerreichbare cineastische Spannung auf höchster Ebene und beweist, dass es keine großen Schauwerte braucht, um ungeheuren Nervenkitzel zu erzeugen.

Zudem ist der Film die Personifizierung von Hitchcocks handwerklichem Perfektionismus: Hier passt wirklich alles, vom detailgenauen Setting bis hin zu den Subtexten (Voyeurismus – des Helden, aber auch der Zuseher*innen! –, Obsession, Einsamkeit, Ehe) und jeder kleinsten Kameraeinstellung. Obwohl sich die Handlung ausschließlich in der Wohnung des Protagonisten (James Stewart) abspielt, entdeckt man bei jedem Mal Anschauen etwas Neues. Zudem dürfen wir Legende Grace Kelly in ihrer wichtigsten Rolle bewundern. Ein Meisterwerk für die Ewigkeit.

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The Hateful Eight (2015)

Kammerspiel á la Tarantino. Was das bedeutet, ist klar: bissig-pointierte und rasante Dialoge, viel Blut, ästhetisch-inszenierte Gewalt, leidenschaftliches Gemetzel und ein grandioser Soundtrack. Auch die zwielichtigen und sonderlichen Charaktere dürfen natürlich nicht fehlen. 

Der Inhalt: In Wyoming sucht eine Gruppe von Glücksjäger*innen während eines Schneesturms in einer Hütte Zuflucht. Wir befinden uns kurz nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg, die Zeiten sind also rau. Wie es in Kammerspielen nun mal so ist, lernen sich die Anti-Held*innen immer besser kennen – und hegen mehr und mehr den Verdacht, dass ihr Zusammentreffen vielleicht gar kein Zufall war. Eine Geschichte aus Betrug und Täuschung nimmt ihren Lauf ...

Quentin Tarantino setzte bei diesem Western-Kammerspiel auf ein superbreites 70-Millimeter-Format, was das Intime größer und epischer wirken lässt. Der erste Teil wird von intensiven Dialogen dominiert, danach geht's Gewalt-mäßig ordentlich zur Sache. Zwischen den Zeilen lässt sich Rassismus-Kritik erkennen, auf den Zeilen eine Verbeugung an Western-Klassiker und Agatha-Christie-Verfilmungen. Sperrig und deshalb sehenswert!

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8 Frauen (2002)

Noch ein Kammerspiel-Film, der sich am klassischen Whodunit von Agatha Christie orientiert, dessen inszenatorische Grenzen jedoch überschreitet und mit unbändiger Spiellust ad absurdum fühlt, ja sich gar darüber lustig macht:

In "8 Frauen" ist der Ort des Geschehens eine verschneite Villa, in der eine Großfamilie Weihnachten feiern möchte. Das Familienoberhaupt wird aber ermordet, die titelspendenden acht Frauen (allesamt bravourös dargestellt von Frankreichs Leinwand-Diven, unter anderem Catherine Deneuve, Isabelle Huppert und Fanny Ardant) stehen alle unter Mordverdacht. Nicht ganz verwunderlich, hat doch jede einzelne von ihnen etwas zu verbergen ...

Der Film strotzt vor Selbstironie und Mut zum Übermaß, hier ist Mehr eindeutig auch Mehr. Regisseur François Ozon gelingt der bemerkenswerte Spagat zwischen Individualismus- und Gesellschafts-Studie, die Villa wird zum Kaleidskop menschlichen (Fehl-)Verhaltens. Statt Naturalismus wird hier auf Groteske, Camp und Zynismus gesetzt. Ach ja, Musical-Einlagen gibt's auch noch. Was sonst.

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Der Leuchtturm (2019)

Was passiert, wenn Klaustrophobie zum psychologischen Horror wird, zeigt Regisseur Robert Eggers im Schwarz-Weiß-Film "Der Leuchtturm": Robert Pattinson und Willem Dafoe als zwei Seefahrer sind nicht nur auf einer einsamen Insel, sondern auch in ihrer eigenen Psyche gefangen, die mehr und mehr zum Hochsicherheitsgefängnis wird. Realität und Wahnsinn schlagen gleichermaßen hohe Wellen wie jene des Meeres, was vom avantgardistischen, den deutschen Expressionismus zitierenden Stil noch zusätzlich verstärkt wird. 

Wie so oft in Kammerspielen findet auch in "Der Leuchtturm" der Horror vor allem im Kopf statt, seelische Selbstentblößungen werden zum kathartischen Gräuel mit fransig-diffusen Schatten und doppelten Böden. Dafoe und Pattinson spielen subversiv mit dem permanenten Gefühl des finsteren, magischen Realismus und erinnern an wild gewordene Tiere, befreit von jeder Art von Kontrolle und Selbstwahrnehmung.

Nichts für schwache Nerven und ein Film, der sich auf ewig ins Gehirn der Zuseher*innen einbrennt.

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Buried – Lebend begraben (2010)

Paul Conrey (Ryan Reynolds) ist ganz normaler LKW-Fahrer und Familienvater. Ein Durchschnitts-Amerikaner. Eines Tages aber wacht er in einem dunklen Sarg auf – und weiß nicht, wie er hierher gekommen ist. Bald wird klar: Der Sarg befindet sich unter der Erde, Paul ist lebendig begraben. Ausgestattet ist er nur mit einem Handy (inklusive schlechtem Empfang) und einem Feuerzeug. Ihm bleiben 90 Minuten, bevor ihm der Sauerstoff ausgeht. Ein im wahrsten Sinne atemberaubender Wettlauf mit der Zeit beginnt ...

"Buried – Lebend begraben" reizt das Genre des Kammerspiels bis zur Vollendung aus: Ausschließlich im beengten Sarg spielend, ist der Film eine One-Man-Show, die wohl nur von wenigen so bravourös getragen werden könnte wie von Ryan "Deadpool" Reynolds, der hier eine seiner besten Performances abliefert. Der Film ist ist formal stringent und angenehm zurückhaltend erzählt, aber keine Sekunde langweilig: Als Zuseher*in fühlt man sich ebenfalls gefangen und fiebert der Auflösung des Rätsels entgegen. 

Klaustrophobie wird in "Buried – Lebendig begraben" zum Psychothriller mit Suspense-Fetisch ganz im Stil von Hitchcock. Hier gilt tatsächlich: Minimalste Mittel – größtmögliche Wirkung.

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