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Filmkritik
09/25/2019

„Der Distelfink“: Terroranschlag im Museum

Die Verfilmung des amerikanischen Bestsellers stößt auf gespaltene Reaktionen bei Kritikern und Publikum.

von Oezguer Anil

Bei seinem Besuch des New Yorker Metropolitan Museums ist der 13 jährige Theo Decker (Oakes Fegley) fasziniert vom Gemälde eines Distelfinks des holländischen Malers Carel Fabritius. Während er das Bild betrachtet, explodiert im Nebenraum plötzlich eine Bombe, die Theos Mutter tötet und das Museum zu einem Schutthaufen verwandelt. Nach dem Terroranschlag wird er von der wohlhabenden Familie seines besten Freundes aufgenommen, bei der er eine ihm völlig fremde Welt kennenlernt und er beginnt, sich für Kunst zu interessieren. Als sein alkoholkranker Vater wieder auftaucht, zieht er mit ihm in die Wüste von Las Vegas, wo er seine Zeit als Jugendlicher verbringt und sich zurück nach New York sehnt.

Komplex

Das Drama basiert auf dem gleichnamigen Roman von Donna Tartt. Sie gehört zu den wichtigsten amerikanischen Schriftstellerinnen unserer Zeit und arbeitet zehn Jahre an einem ihrer Romane, weshalb sie in ihrer dreißigjährigen Karriere erst drei Bücher veröffentlicht hat, die jedoch alle zu Bestsellern wurden. „Der Distelfink“ ist eine komplexe Geschichte, die das ganze Leben von Theo mit all seinen Höhen und Tiefen abdeckt. Das 800 Seiten starke Werk zu einem Film zu komprimieren war keine leichte Aufgabe. Es werden etliche Themen wie Vater-Sohn Konflikte, Kunstraub, Drogenprobleme, Trennungen und viele weitere behandelt, weshalb die einzelnen Handlungsstränge trotz der 150 Minuten Laufzeit nicht wirklich in die Tiefe gehen.

Sitzfleisch

Die ersten dreißig Minuten sind leider total misslungen, weshalb man sich schon sehr früh zu langweilen anfängt und beginnt, auf die Uhr zu schauen. Man hat das Gefühl sich in einen vollkommen missratenen Film gesetzt zu haben, doch plötzlich kratzt die Handlung die Kurve. Nach dem ersten Drittel nimmt die Geschichte an Fahrt auf und die Figuren beginnen einen Charme zu entwickeln, der einem wieder Hoffnung gibt, mit dem Kinoticket doch die richtige Wahl getroffen zu haben. Das hat vor allem mit dem Zeitsprung vom kindlichen zum erwachsenen Theo zu tun. Obwohl Oakes Fegleys Leistung als gebrochener Jugendlicher umwerfend ist, kommt die Handlung erst bei Ansel Egort und seinen Problemen als Kunsthändler auf den Punkt.

Große Erwartungen

Der Distelfink“ galt vor seiner Premiere am Filmfestival in Toronto als großer Oscarfavorit. Für Nicole Kidman erwartete man eine Nominierung als beste Nebendarstellerin, für Ansel Egort eine als bester Hauptdarsteller und für Kameralegende Roger Deakins eine für die beste Kameraarbeit. Nach der Premiere und dem Kinostart sah die Sache jedoch ganz anders aus, denn etliche Kritiken verrissen die 45 Millionen Dollar Produktion und an den Kinokassen floppte sie ebenfalls. Die Kamera von Deakins ist diesmal weitaus zurückhaltender als bei seiner letzten Arbeit „Blade Runner 2049“, Kidman und Egort haben keine weltbewegenden Monologe, aber alles in allem liefern alle eine durchaus solide Leistung ab, ob das jedoch für die Oscars reicht, bleibt fraglich.

Inspirierend

Dieses Drama erfordert Geduld. Wer genug Sitzfleisch mitbringt wird mit einer tollen Geschichte belohnt, bei der man das Gefühl bekommt, dass mehr in ihr steckt als die auf der Leinwand gezeigte Handlung. Man wird zum Nachdenken angeregt und vielleicht sogar zum Lesen des Romans motiviert.

Nachdem seine Mutter bei einem Bombenanschlag getötet wurde, wird ein New Yorker Junge von einer anderen Familie aufgenommen.