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Filmkritik
07/27/2020

"Edison – Ein Leben voller Licht": Zweikampf der elektrischen Genies

Benedict Cumberbatch und Michael Shannon tragen in diesem üppigen Historienfilm als Thomas Alva Edison und George Westinghouse ein energiereiches Duell aus.

von Franco Schedl

Während der deutsche Titel lichtvoll optimistisch und ganz unverkrampft klingt, wirkt der Originaltitel wesentlich präziser, denn „The Current War“ unterstreicht den Ernst der Lage: Hier tritt Thomas Alva Edison (Benedict Cumberbatch) gegen den Großindustriellen George Westinghouse (Michael Shannon) an und beide fechten einen regelrechten Krieg miteinander aus. Man kann die Streitpunkte bei diesem funkensprühenden Kräftemessen auch präzise formulieren:  Gleichstrom gegen Wechselstrom. Welches System kann sich durchsetzen? Wessen Auffassung von Elektrizität wird die moderne Welt beherrschen?  Die Handlung startet 1880, als Edison sein berühmtes Patent zur „Electric-Lamp“ einreicht, und der Konkurrenzkampf erreicht schließlich seinen Höhepunkt, sobald die beiden Visionäre einander zu einem leuchtenden Duell herausfordern, um für die nächtliche Beleuchtung der Chicagoer Weltausstellung von 1893 zu sorgen.

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Drei elektrische Genies

Wir treffen den unglaublich selbstbewussten Edison erstmals inmitten eines Feldes aus leuchtenden Glühbirnen an und wenig später wird er zum US-Präsidenten vorgelassen, dessen Stimme er auf seinem Phonographen verewigt. Der Mann hat außerdem Prinzipien: Er schlägt Summen in Millionenhöhe aus, da er sich weigert, dafür Waffen zu entwickeln. Und er stößt Westinghouse gleich von Beginn an vor den Kopf, weil er zu einem eigens für ihn vorbereiteten Abendempfang nicht erscheint, sondern im Zug an seinen wartenden Gastgebern vorbeibraust. Trotzdem ist der Wechselstrom-Verfechter Westinghouse zunächst davon überzeugt, dass er Edison zum Partner gewinnen könnte, doch damit erweist sich der geschäftstüchtige Mann als erstaunlich naiv. Edison ist viel zu dickköpfig und im Konkurrenzdenken befangen; allein das Wort „Wechselstrom“ versetzt ihn in Wut und er lässt zu Demonstrationszwecken vor den Augen der Reporter sogar ein Pferd mit Wechselstrom töten - oder „westinghousen“, wie er das nennt -, und erfindet dadurch unfreiwillig den elektrischen Stuhl.  Cumberbatch geht somit wieder einmal ganz in der Rolle eines eigenwilligen Genies auf und wirkt wie ein elektrifizierter Sherlock, während Michael Shannon bedachtsamer und bodenständig - oder sagen wir lieber: geerdet - bleibt. Weiters mischt auch noch ein stets exquisit gekleideter Nicholas Hoult als der dritte exzentrische Visionär Nikola Tesla mit.

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Verzögerter Filmstart durch den Weinstein-Skandal

Regisseur Alfonso Gomez-Rejon („Ich, Earl und das Mädchen“) begann seine Karriere als persönlicher Assistent von Martin Scorsese und unter dessen Namen wird auch der aktuelle Film beworben, weil sich Scorsese als Produzent betätigt hat. Eigentlich stammt das Werk bereits aus den Jahr 2017 und erlebte damals auf dem Toronto International Film Festival seine Weltpremiere, doch die Termine für einen Kinostart wurden immer wieder hinausgeschoben. Sobald man erfährt, dass Harvey Weinstein den Film produziert hat, ist klar, wo das Problem lag: „Edison“ zählt nämlich indirekt zu den Opfern des Weinstein-Skandals und wechselte mehrmals die Verleihfirmen, aber endlich hat man doch mit erheblicher Verspätung die richtigen Stromleitungen ins Kino verlegt - immerhin gäbe es ohne  Edison so ein Gebäude gar nicht. (Der Film endet übrigens auch versöhnlich und mit einer Liebeserklärung ans Kino.)

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Anekdotenreiches Ausstattungsstück

Edison“ weckt Erinnerungen an ein anderes Werk, bei dem es ebenfalls zu elektromagnetischen Entladungen kam und in dem gleichfalls die Figur des Erfinders Tesla auftrat. Während jedoch in Nolans Thriller „The Prestige“ zwei Zauberkünstler einander einen erbarmungslosen Wettstreit lieferten, kann „Edison“ mit keiner Krimi-Handlung aufwarten, führt uns aber zumindest ein elektromagnetisches Stück Historie aus dem späten 19. Jahrhundert vor Augen. Eigentlich wird die Story eher im Stil einer Graphic Novel - wie das fast zeitgleich startende Biopic „Marie Curie – Elemente des Lebens“ -  erzählt, wodurch sie manchmal etwas sprunghaft wirkt und einer Aneinanderreihung von Anekdoten gleicht. Die Charakteristik der Figuren selbst bleibt dabei oft auf der Strecke. Trotzdem versteht es der Regisseur, uns zu faszinieren: Gomez-Rejon bietet in erster Linie ein Ausstattungsstück und lässt jene Welt, in der plötzlich alles zu leuchten begann, eindrucksvoll vor uns erstehen; obendrein erzählt er die Geschichte mit eleganten, perfekt ausgeklügelten Kamerafahrten. Sein Film ist überhaupt das reinste Elektrizitäts-Werk: wohin man auch blickt, setzten die Darsteller Energie frei.     

3  1/2 von 5 nostalgischen Stromschlägen