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Filmkritik
02/24/2020

„Just Mercy“: Die Bösen sind immer die anderen

Das amerikanische Gerichtsdrama wirft Fragen zum filmischen Umgang mit moralischen Urteilen auf.

von Oezguer Anil

Ende der 80er wird der schwarze Holzfäller Walter McMillian (Jamie Foxx) auf seinem Heimweg festgenommen. Er wird zu unrecht beschuldigt, eine junge weiße Frau ermordet zu haben und wird sogar rechtskräftig zur Todesstrafe verurteilt. Einige Jahre später beendet der Harvard Student Bryan Stevenson (Michael B. Jordan) sein Jus-Studium und legt seinen Fokus auf Häftlinge im Todestrakt. Als er den dubiosen Fall von McMillian entdeckt, setzt er alle Hebel in Bewegung, um der Gerechtigkeit genüge zu tun.

Kampf gegen das System

Die Verurteilung McMillians fußte auf einer Falschaussage eines Mörders, dem durch die Staatsanwaltschaft in Aussicht gestellt wurde, selbst dem Todestrakt entkommen zu können, wenn er McMillian beschuldigen würde.  In seinem unermüdlichen Kampf gegen ein korruptes System kommt Stevenson an seine emotionalen Grenzen und muss sich mit dem tief verwurzelten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzen.

Widerstand

Just Mercy“ basiert auf der wahren Lebensgeschichte des Bürgerrechtlers Bryan Stevenson, der sich seit über 30 Jahren für die Rechte der Armen und Schwachen einsetzt. Im Fokus der Geschichte stehen Fehlurteile des amerikanischen Rechtssystems. Trotz unzähliger Justizirrtümer hält die USA bis heute an der Todesstrafe fest. „Just Mercy“ ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und betont die Wichtigkeit des Widerstands gegenüber jeglicher Ungerechtigkeit.

Zu einfach

Die Verurteilung McMillians ist ein tragischer Fall von vielen in den USA. Von Beginn an ist die Unschuld des Häftlings für den Zuseher klar und wir begleiten den jungen Anwalt Bryan Stevenson dabei ,wie er für seinen Mandanten kämpft. Leider zieht Regisseur Destin Daniel Cretton die Linie zwischen Gut und Böse allzu deutlich. Auf der einen Seite hat man die fürsorgliche afroamerikanische Community, die aufgrund ihrer Lebensumstände keinen Platz in der Gesellschaft finden und auf der anderen Seite rassistische Staatsanwälte, Polizisten und Richter, deren Lebensinhalt es zu sein scheint, schwarze Mitbürger zu schikanieren.

Unreflektiert

Mit dieser allzu einfachen Weltanschauung werden berührende Momente kreiert, die das Publikum zu Tränen rühren. Ein Drama, das sich „Basierend auf wahren Begebenheiten“ auf die Fahnen heftet und den Anspruch hat, gesellschaftliche Probleme anzusprechen, muss jedoch mehr als das bieten. Die Todesstrafe als Filmthema ist schon beinahe so alt wie das Medium selbst und auch „Just Mercy“ kommt nicht drumherum sich diesem polarisierenden Thema anzunehmen, aber bleibt im Diskurs nur auf der Oberfläche. Jeder Zuseher wird dem Filmemacher zustimmen, dass ein unschuldiger Mann nicht den Tod verdient hat, spannend wird die Diskussion über den elektrischen Stuhl jedoch erst, wenn ein Schuldiger im Todestrakt gefangen ist.

Über diese Naivität des Filmemachers kann man noch ein Auge zudrücken, aber über die klischeehaften Figuren nicht, denn mit einer so klaren Trennlinie zwischen Gut und Böse begibt sich Regisseur Cretton auf dünnes Eis. Der Zuseher wird dazu genötigt, sich auf die Seite der Hauptfigur zu stellen und alles, was gegen dessen Meinung spricht, als falsch oder ungerecht abzutun; aber ist diese einseitige Betrachtung nicht genau das Problem eines maroden Justizsystems, das allzu schnell vermeintliche Täter verurteilt? Die Filmemacher lassen jegliche Ambivalenz in ihrer Erzählung vermissen und bedienen dadurch jener Ideologie, die sie behaupten, mit ihren Figuren zu bekämpfen.

Die Regeln des Marktes

Diese Ablehnung von Komplexität ist natürlich auch dem profitgetrieben amerikanischen Filmmarkt geschuldet,  in dem durch die Eintönigkeit von Erzählformen die erzählten Schicksale immer mehr Mittel zum Zweck werden. „Just Mercy’s“ Schrei nach Oscar-Nominierungen ist anscheinend auch der Academy allzu offensichtlich in den Ohren gegellt, weshalb das Drama keine einzige Nominierung erhielt. Schön zu sehen, dass die Formel „wahre Begebenheit + Starschauspieler = Oscar“ nicht immer funktioniert.

Starkes Ende

Trotz vieler Mängel muss man dem Bürgerrechtsdrama das starke Ende zugute halten. Die letzten 30 Minuten sind voller fantastisch gespielter Szenen, die niemanden kalt lassen werden.

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