Serien-Review: Snowpiercer

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Serien-Review
06/06/2020

"Snowpiercer": Die neue Netflix-Serie im Vergleich mit dem Kinofilm

Kann die TV-Serie mit dem Endzeit-Kultfilm von Meisterregisseur Bong Joon Ho ("Parasite") mithalten?

von Erwin Schotzger

Die Welt ist zu Eis erstarrt. Zu verdanken ist diese Klimakatastrophe dem fatal gescheiterten Versuch der Menschheit, die globale Erwärmung umzukehren. Ergebnis: Der klägliche Rest der Menschheit fährt in einem elendslangen Zug, dem sogenannten Snowpiercer, im Kreis um den Globus. Draußen hat es fast 100 Grad Celsius unter Null. Drinnen hat sich ein perverses autoritäres Gesellschaftssystem gebildet, das die überlebenden Menschen streng in Klassen teilt: Ganz hinten im "Tail" fristet die versklavte Unterschicht ein kümmerliches Dasein als menschliches Ersatzteillager, ganz vorne lebt die Oberschicht in relativem Luxus. In der Lokomotive residiert der unerreichbare Schöpfer der Machine, Wilford. Stoppt die religionsartig verehrte Maschine, die den Zug antreibt, stirbt der letzte Rest der Menschheit.

Diese Rahmenbedingungen waren nie sehr realistisch. Geschaffen wurde diese Welt 1982 in der französischen Graphic Novel "Le Transperceneige" (engl.: "Snowpiercer") von dem Autor Jacques Lob und dem Illustrator Jean-Marc Rochette. Es handelt sich eher um eine fantastische Dystopie, also Fantasy. Um als echte Science-Fiction durchzugehen, sind die Details dieser Welt zu absurd.

 

"Snowpiercer", der Film

Ein Glücksgriff daher, dass sich gerade der südkoreanische Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon Ho im Jahr 2013 an die Verfilmung der Comic-Vorlage machte. Denn in Filmen wie "Memories of Murder" (2003), "The Host" (2006) und "Mother" (2009) hatte er schon zuvor Talent für stilsichere Inszenierung und ein Faible für Gesellschaftskritik mit Symbolkraft bewiesen. Schon vor "Snowpiercer" war Bong zum Darling der Filmkritiker und zum gern gesehenen Rising Star bei Filmfestivals geworden. Inzwischen ist er mit seinem Oscar-prämierten Meisterwerk "Parasite" (2019) längst in den Olymp der Filmemacher aufgestiegen.

Die aus Sci-Fi-Sicht eklatant unrealistische Fantasywelt von "Snowpiercer" profitiert von der symbolhaften Inszenierung durch Bong. Sein Film funktioniert, gerade weil er den Symbolismus allegorisch auf die Spitze treibt, auch in der Bildsprache.  Das anachronistische visuelle Design verbindet Futuristisches mit Antiquiertem und erinnert damit sehr an die dystopischen Meisterwerke "Brazil" (1985) und "12 Monkeys" (1995)  von Terry Gilliam (letzteres wurde übrigens auch als Serie adaptiert) oder "Delicatessen" (1991) von Jean-Pierre Jeunet. Dadurch kann sich Bong erlauben, auf die logische Erklärung gewisser Details einfach nicht einzugehen. So werden im Kinofilm etwa Nam (Kang-ho Song) und seine Tochter Yona (Ko Asung) nicht etwa aus einer Kryostase befreit. Sie liegen einfach in einem mysteriösen Tiefschlaf, der endet sobald die Schlafkammern (in der Serie "Schubladen" genannt) geöffnet werden.

Die großartige Besetzung der teilweise ziemlich skurrilen Charaktere – etwa Tilda Swinton als Mason oder Alison Pill als Lehrerin, weniger Chris Evans als Curtis (seine Rolle ist nicht so überzeichnet) – tut den Rest, um die fantastische Welt überzeugend auf die Leinwand zu bringen. Lediglich im letzten Drittel verzettelt sich der Meisterregisseur ein wenig. Rund 80 Minuten lang ist "Snowpiercer" ein geradliniger Actionfilm, ein spannender Kampf bis ganz nach vorne zur Maschine oder eben an die Spitze der Gesellschaft. Dann lässt Bong sich aber zu überlangen Dialogen hinreißen. Leider kann er es nicht lassen, mit seinem Symbolismus übers Ziel zu schießen – nur um die Metapher vom Sturz des Systems und der Rückkehr des Lebens anzubringen. Genau genommen ist am Schluss zwar das totalitäre System gefallen, aber die Menschheit so gut wie tot. Das Finale ist der Makel des Films. Dennoch gilt "Snowpiercer" als Kultfilm.

Doch kommen wir zur Serie!

 

"Snowpiercer", die Serie

Während im Film bereits 18 Jahre seit der eisigen Apokalypse vergangen sind, ist der Zug in der Serie erst etwas mehr als sieben Jahre unterwegs. Die auf Schienen gesetzte Arche ist 1001 Waggons lang und mit rund 3000 Menschen bevölkert. In Bongs Kinoversion dürften es nur um die 1000 Überlebende und deutlich weniger Waggons gewesen sein. Auch das Gesellschaftssystem ist in der Serie differenzierter. Im Snowpiercer der Serie gibt es drei Klassen mit unterschiedlichen Privilegien, die auf legal erworbene Tickets für den apokalyptischen Zug zurückgehen.

Die vierte und unterste Klasse lebt in den hintersten Waggons, dem "Tail". Sie werden abschätzig als "Tailies" bezeichnet. Nachdem sie sich kurz vor dem Start gewaltsam Zugang zum Zug verschafft haben, wurden sie von den Sicherheitskräften in den hinteren Zugabteilen zusammengepfercht. Gemeinsam mit der dritten Klasse machen sie rund 70 Prozent der Gesamtbevölkerung des Zuges aus.

Einer der Anführer der "Tailies" ist der ehemalige Police Detective Andre Layton, der von Daveed Diggs ("Black-ish", "The Get Down") gespielt wird. Er übernimmt im Wesentlichen die Rolle von Chris Evans im Kinofilm. Andre ist gemeinsam mit seiner Frau Zarah (Sheila Vand) und seinem Sohn Miles (damals noch ein Baby) an Bord des Zuges gekommen ist. Allerdings hat Zarah ihre Familie schon vor Jahren verlassen, um weiter vorne im Zug ein besseres Leben zu führen.

Die "Tailies" planen eine Revolte. Doch anders als im Film kommt ihr Vormarsch schon nach nur einem einzigen Waggon ins Stocken. Andre, der sich gegen eine überstürzte Attacke ausgesprochen hatte, war zuvor vom Sicherheitspersonal nach vorne geholt worden. Dort soll der einzige erfahrene Polizist an Bord einen brutalen Mord aufklären, der das Machtgefüge im Zug zu gefährden droht. Das kommt seinem Plan entgegen, die Lage für eine künftige Revolution auszukundschaften. Dadurch ist er auch in der Lage, eine milde Bestrafung der "Tailies" bei Melanie Cavill zu erwirken.

Die überzeugend von Jennifer Connelly gespielte Melanie ist die offizielle Stimme des Zuges und oberste Vertreterin des verehrten Gründers von Wilford Industries, den niemand je zu Gesicht bekommt. Die kühle Chefin des Snowpiercers entspricht nur auf den ersten Blick der Figur von Tilda Swinton. In Wirklichkeit hat sie jedoch eine wesentlich zentralere Rolle. Ihre rechte Hand, die ihre Machtposition auskostende Ruth (Alison Wright), entspricht schon eher Swintons Charakter im Film.

 

Crime-Story als Kickstarter

Die Serie etabliert also eine Krimi-Handlung, die in der ersten Hälfte der zehnteiligen Serie dominiert. Der Mord ist zwar nicht unbedingt eine originelle Idee, bietet aber eine gute Möglichkeit Licht und Schatten des Gesellschaftssystems im Zug kennenzulernen. Es wird niemanden wundern, dass die Schattenseiten überwiegen. Der Mord dient lediglich als Kickstarter der Geschichte.

Während der Film im Wesentlichen rund um den Revolutionsführer Curtis Everett (Chris Evans) aufgebaut ist, muss die Serie ein Beziehungsgeflecht aus mehreren Haupt- und Nebencharakteren aufbauen. Das gelingt schon in den bisher gesendeten drei Episoden ganz gut. Auf die skurrile Überzeichnung der Charaktere wird weitgehend verzichtet. Neben den typischen Crime-Elementen, die wohl mit der Zeit verstärkt in Richtung Mystery gehen werden, wird vor allem Wert auf romantische Verstrickungen mit jeder Menge nackte Haut gelegt. Die durchwegs gute Besetzung verhindert jedoch das Abdriften in eine allzu oberflächliche Seifenoper, wenngleich gewisse Spurenelemente davon nicht zu leugnen sind.

Paradoxerweise bewirkt der Verzicht auf die nihilistisch-skurrile Überzeichnung, dass die an sich absurde Fantasiewelt von "Snowpiercer" weniger realistisch wirkt. An mancher Stelle wird versucht, bestimmte Details realistischer zu gestalten, etwa die "Schubladen" in denen Verbrecher in eine Art Tiefschlaf versetzt werden. An anderer Stelle fährt der elendslange Zug fern jeglicher Realität durch eine gigantische Lawine ohne zu entgleisen. Insgesamt macht Bongs allegorischer Fantasy-Ansatz mehr Sinn als der pseudo-realistische Sci-Fi-Ansatz der Serie, der letztendlich den Anspruch an die Logik erhöht und die dargestellte Welt eher unglaubwürdiger macht.

 

Kooperation statt Konfrontation?

Interessanter ist hingegen das völlig andere Thema der Serie: Im Film geht es letztendlich um die Rebellion gegen ein unmenschliches System, selbst wenn dieser Widerstand den Tod bedeutet. In der Serie zeichnet sich hingegen die Überwindung des Trennenden im Angesicht der drohenden Auslöschung der Menschheit, also Kooperation statt Konfrontation, als zentrales Thema ab. Es entsteht auch der Eindruck, dass sich die TV-Serie mehr an der Comic-Vorlage als am Kinofilm orientiert. Der andere Zugang der Serie und die Adaptionen an der Geschichte machen die Serie durchaus interessant, auch wenn sie sicher eine vollkommen andere Baustelle als der Film ist.  

Showrunner von "Snowpiercer" ist übrigens Graeme Manson, einer der Schöpfer von "Orphan Black". Hierzulande ist die neue Serie bei Netflix zu sehen. Es handelt sich aber um kein echtes Netflix-Original, sondern um eine Produktion des US-Senders TNT, bekannt für Serien wie "Animal Kingdom", "The Alienist" und "The Last Ship". Daher sind auch nicht alle Episoden auf einmal verfügbar. Sie erscheinen wöchentlich bei Netflix. Bisher sind drei von zehn Folgen verfügbar. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung.

 

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