Filmkritik: Birds of Prey - The Emancipation of Harley Quinn

© Warner Bros.

Filmkritik
02/06/2020

"Birds of Prey": Harley Quinn dreht durch und bleibt trotzdem zu zahm

Die perfekte Action des schrillen DC-Films ist kaum zu überbieten, aber bei Humor und Charakteren wäre noch viel mehr gegangen.

von Erwin Schotzger

"Suicide Squad" war 2016 (noch vor "Wonder Woman") ein kurzer Lichtblick im allzu düsteren Snyderverse der DC-Superhelden. Das Beste an dem Film war ganz eindeutig Margot Robbie als Harley Quinn. Ihre sehr Comic-nahe Performance als die durchgeknallte Freundin des Jokers wurde von den Fans geliebt. Auf Comic-Conventions gehört das Harley-Outfit aus dem Film seither zum Standard-Repertoire der Cosplayerinnen. Zudem spülte der Film weltweit beachtliche 746 Mio. Dollar in die Kinokassen, eine Fortsetzung war daher nur eine Frage der Zeit.

"Birds of Prey: The Emancipation of Harely Quinn" ist nun die inoffizielle Fortsetzung von "Suicide Squad", man könnte auch von einem Spin-Off sprechen. Offiziell dreht James Gunn gerade den zweiten Teil mit dem schlichten Titel "The Suicide Squad", wobei es sich aber eher um einen Reboot handeln soll. Starttermin: 6. August 2021.

 

Willkommen bei der Harley-Show!

Harley Quinn, oder besser Margot Robbie, hat "Birds of Prey", der sich ursprünglich um die gleichnamige Gruppe von Superheldinnen drehen sollte, wahrlich an sich gerissen. Sie hatte die Story-Idee und hat den Film auch mit ihrer eigenen Firma LuckyChap für Warner Bros. und DC produziert. Aus "Birds of Prey (And the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn)", so der Originaltitel, ist daher eine schräge Harley-Show geworden. Schon vor dem Megaerfolg von "Joker" war klar, dass der Film kein zahmer Familienfilm werden würde, sondern ein Film für ein erwachseneres Publikum mit Gewalt und schmutziger Sprache. Das Vorbild war aber eher die Action-Komödie "Deadpool" mit Ryan Reynolds als das Comic-Drama "Joker" mit Joaquin Phoenix – mit Letzterem hat "Birds of Prey" übrigens gar nichts zu tun. Der "Mr. J" von Harley Quinn ist der Joker von Jared Leto aus "Suicide Squad".

"Birds of Prey" schließt mehr oder weniger direkt an "Suicide Squad" an. Das Publikum bekommt auch eine animierte Cartoon-Einführung in die tragische Geschichte von Dr. Harleen Frances Quinzel: Tragisch – nicht weil der Joker seine ehemalige Psychiaterin in den Wahnsinn getrieben (oder: von der Normalität geheilt?) hat, sondern weil "Mr. J" mit Harley Quinn Schluss gemacht hat. Harley ist jetzt Single und ziemlich planlos, denn was ist ein Harlekin ohne Meister?

Harley muss lernen auf eigenen Beinen zu stehen! Doch bald ist in der ganzen Stadt bekannt, dass die durchgeknallte Quasselstrippe nicht mehr die unantastbare Freundin des Jokers ist. Zeit, um offene Rechnungen zu begleichen. Der Gangsterboss Roman Sionis (Ewan McGregor), bekannt als Black Mask, ist nur einer davon, aber bei weitem der Gefährlichste. Um einen schmerzhaften Tod durch brutale Gewalteinwirkung zu vermeiden, bietet Harley dem Schurken ihre Hilfe bei der Jagd nach der jugendlichen Trickbetrügerin Cassandra Cain (Ella Jay Basco) an. Sie hat einen Diamanten gestohlen, der Black Mask gehört. Diese Mission bringt sie allerdings auf Konfrontationskurs mit der Polizistin Renee Montoya (Rosie Perez).

F-Bombs statt Humor für Erwachsene

Was folgt ist vor allem ein sehenswerter Actionfilm, der aus der sprunghaften Perspektive von Harley Quinn erzählt wird. Cineastische Vorbilder des Films sind einige zu erkennen, eines davon ist ziemlich eindeutig "Deadpool". Margot Robbie kommt aber nicht an die freche Art und Weise heran wie Ryan Reynolds mit dem Publikum spricht. Weder der Humor, noch die offensichtlich angestrebte "Crazyness" zünden wirklich. Regisseurin Cathy Yan und Drehbuchautorin Christina Hodson hätten ruhig noch etwas mehr Nonkonformismus drauflegen können. Trotz der schrillen und visuell teilweise eindrucksvollen Inszenierung bleibt "Birds of Prey" ziemlich zahm. Der Film würde problemlos auch ohne die regelmäßigen F-Bombs und die gelegentlich ultrabrutalen Gewaltszenen funktionieren, die das R-Rating ausmachen (Jugendfreigabe ab 16 Jahren).

 

Zu zahme Girl Power

Die Handlung von "Birds of Prey" ist überschaubar, aber das wäre angesichts der wirklich großartigen Action – in Szene gesetzt von "John Wick"-Regisseur Chad Stahelski – auch gar kein Problem. Leider geht dem Film bei der Story und den Charakteren die Luft aus (noch mehr als beim Humor). Alle Charaktere neben Harley Quinn bleiben viel zu blass. Das Thema der Emanzipation wird selbst bei der Hauptfigur nur sehr oberflächlich angerissen. Noch schablonenhafter bleibt die angedeutete Emanzipation von Dinah Lance Lance (Jurnee Smollett-Bell), alias Black Canary, und der Polizistin Renee Montoya (Rosie Perez). Die eine dient dem Schurken als Chauffeurin, obwohl sie mit der gejagten Cassandra Cain befreundet ist. Die andere ist in ihrer Karriere als Polizistin immer von Männern übervorteilt worden. Die innere Emanzipation von diesen Männern kommt beim Zuseher emotional nicht an. Am Ende ist es dann eben so, die Wandlung der Charaktere muss man sich selbst ausmalen.

Die dritte Superheldin, Huntress (Mary Elizabeth Winstead), hat überhaupt nur eine Sidekick-Rolle, die für die Handlung völlig verzichtbar wäre. Cassandra Cain ist lediglich ein Plot-Tool, ein MacGuffin, der die Handlung vorantreibt. Warum diese Figur – im Comic ist sie das zweite Batgirl und ein gefährlicher Teenage-Assassin – im Film so sinnlos verbraten wird, bleibt ein Rätsel. Die DC-Superheldin Batgirl – im Comic ein wichtiges Mitglied der "Birds of Prey" – kommt im Film gar nicht vor. Im Mittelpunkt steht die Harley-Show, echtes Team-Building der Charaktere wird bestenfalls angedeutet. Damit wiederholt der Superheldinnen-Film einen wesentlichen Fehler des Vorgängerfilms "Suicide Squad".

Immerhin mimt Ewan McGregor einen überzeugenden Schurken, der aber dennoch weit von einem charismatischen Bösewicht wie Thanos oder Joker entfernt bleibt.

Jammern auf hohem Niveau. Schon klar!

Schrille Optik und perfekt inszenierte Action

"Birds of Prey" funktioniert am besten als Actionfilm mit fulminanten Kampfszenen. Aber als freche Komödie und als Emanzipationsdrama wäre noch viel mehr gegangen. Der neue DC-Superheldeninnenfilm hätte das weibliche Pendant zu "Deadpool" werden können: eine bissige, zynisch bis ironische Actionkomödie mit starken weiblichen Charakteren. Die Women's Empowerment-Geschichte hätte dem Film eine gewisse Tiefe und Relevanz wie bei "Joker" verleihen können. Doch außer der perfekten Action-Inszenierung wurden die guten Ansätze immer nur halbherzig umgesetzt. Herausgekommen ist daher auch "nur" eine schrille Harley-Show und ein spektakulärer, aber kurzweiliger Actionfilm.