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© Warner Bros.

Filmkritiken
08/31/2021

"Der seltsame Fall des Benjamin Button" auf Amazon Prime: Pitt in jedem Alter

Fincher wagt sich mit der Fantasy-Romanze auf künstlerisches Neuland und lässt Brad Pitt verkehrt herum altern.

von Franco Schedl

Den unvorbereiteten Kinobesucher könnte diese Produktion vor ein kniffliges Dilemma stellten: Entweder spielt der Vorführer die Rollen in der falschen Reihenfolge ab, oder Brad Pitt wird in der Tat immer jünger im Laufe der Filmzeit. Deshalb ist Filmkritik ja auch so wichtig, damit solche Missverständnisse gleich gar nicht erst entstehen können.

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Verkehrtes Leben

Benjamin Button tritt tatsächlich als greisenhafter Säugling in die Welt und beendet sein Leben als dementer Winzling in den Armen seiner großen Liebe. Dieses romantisch versponnene Werk basiert auf einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald, die David Fincher zu seinem ersten definitiven Nicht-Thriller anregte. Der Prosatext galt lange Zeit als unverfilmbar und das Projekt hatte tatsächlich etwa vier Jahrzehnte auf Eis gelegen, bis sich Fincher, Brad Pitt und Drehbuchautor Eric Roth (von dem auch "Forrest Gump" herrührt) ernsthaft daranmachten, es endlich zu verwirklichen.

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Viel Schminke

Brad Pitt stellte durch seinen unumstößlichen Entschluss, Button in allen Lebensaltern höchstpersönlich zu verkörpern, nicht nur sich selber, sondern vor allem die Maskenbildner vor eine enorme Herausforderung (aber mindestens ebenso perfekt altert Cate Blanchetts Figur neben ihm her).

Diese Glanzleistungen der Schminkexperten treten mit schauspielerischen Bravourleistungen in Konkurrenz:  wir erleben besonders Pitt von einer neuen Seite, denn als Button führt er ein eher passives Leben und muss sehr zurückgenommen agieren. Er trifft auf unterschiedlichste Personen – Wirtschafterin Queenie (Taraji P. Henson), Kapitän Mike (Jared Harris), die  einsame Diplomatengattin Elizabeth (Tilda Swinton), aber vor allem die Balletttänzerin Daisy (Cate Blanchett) – und hört ihnen die meiste Zeit über einfach zu.

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Nüchternes Märchen

Als märchenhafter Auslöser des ganzen seltsamen Falles wird ein blinder Uhrmacher vorgeführt, der 1918 in New Orleans aus Trauer über seinen im Weltkrieg gefallenen Sohn eine verkehrt gehende Bahnhofsuhr konstruiert, weil er die Zeit gleichsam zurückdrehen möchte – und zumindest in einem Fall ist ihm das auch gelungen.

Aber damit sind auch bereits alle märchenhaften Aspekte erschöpft, denn obwohl der Titel ausgesprochen nach Tim Burton klingt und absonderlichste Skurrilitäten verheißt, geht hier in Wahrheit alles ganz unaufgeregt zu. Die genetische Exzentrik der Hauptfigur wird von den Mitlebenden entweder ignoriert oder stillschweigend zur Kenntnis genommen. Worauf sich Fincher konzentriert, sind die großen Konstanten unseres Daseins: Menschen werden geboren und sterben, lernen einander kennen und lieben, werden getrennt und kommen wieder zusammen – wie das Durchschnittsleben so spielt (und wirklich laut wird es nur für wenige Sekunden während eines Feuergefechts auf See im Zweiten Weltkrieg).

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Verschenktes Potential

Dennoch muss der Zweifel gestattet sein, ob es tatsächlich ausreicht, einen unscheinbaren Herrn Jedermann, dessen innere Uhr verrückt spielt, für volle 165 Minuten ins Zentrum einer Großproduktion zu stellen. Benjamins Geschichte hätte ein wesentlich stärkeres Potential geboten und man erwartet sich ein genaueres Eingehen auf Buttons Besonderheit oder wenigstens hin und wieder eine intensivere Verstrickung ins Zeitgeschehen. 

Immerhin durchmisst der umgekehrte Lebenslauf die Epoche vom Ende des Ersten Weltkrieges bis ins 21. Jahrhundert und böte daher Gelegenheit, die Privatgeschichte mit einem reichen historischen Panorama zu verknüpfen – sollte man meinen. In Wahrheit gibt der Zeitgeist nur minimale Lebenszeichen von sich. Der Eintritt in die Raumfahrt-Ära etwa wird durch eine diskret im Hintergrund gen Himmel steigende Rakete angedeutet. Der Blick auf einen Fernsehschirm verortet eine andere Szene in den späten 70er Jahren.

Diese und weitere kurzen Fingerzeige werden praktisch nebenher angebracht - am untrüglichsten verraten uns noch Kleidung und Automodelle, in welchem Jahrzehnt wir uns gerade befinden.

Ersehnte Kürze

Als kurioser Fall stellt sich auch die Entwicklung des Stoffes dar, denn sie durchlebte eine beachtliche Evolution. Vom einzelnen Satz – Fitzgerald wurde ursprünglich durch einen Aphorismus von Mark Twain angeregt – über wenige Prosaseiten bis hin zum fast dreistündigen Kinofilm. 

Fincher hätte sich ruhig die wohltuende Knappheit der früheren Stadien zum Vorbild nehmen können.  So widerfährt seiner ausufernden Version das Unvermeidliche und zur epischen Breite gesellen sich mit fortschreitenden Filmminuten leider immer wieder Momente lähmender epischer Länge. Obendrein wird man das Gefühl nicht los, alle Beteiligten seien felsenfest davon überzeugt, soeben an einem echten Meisterwerk und sicheren Oscar-Kandidaten mitzuwirken (was sich ja dann auch dreifach bewahrheitet hat, wenn auch nur in Neben-Kategorien).

Da hilft es auch nicht, sich hartnäckig vorzusagen, dass man den Film mit diesem Regisseur, diesen Hauptdarstellern und dieser ungewöhnlichen Ausgangssituation eigentlich nur mögen kann. Sehr seltsam, gewiss.

3 von 5 Altersflecken.

"Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist derzeit auf Amazon Prime zu sehen.

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