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Filmkritik
03/03/2020

"Emma": Eine Komödie der Irrungen

Regisseurin Autumn de Wilde bietet in ihrem ersten Langfilm ein wundervolles Ausstattungsstück nach Jane Austen.

von Franco Schedl

Menschenkenntnis? Ungenügend! Sie ist jung, hübsch, reich und gelangweilt – daher bildet sie sich ein, es wäre ein nettes Gesellschaftsspiel, zwischen den Personen ihrer unmittelbaren Umgebung Ehen zu stiften. Leider versteht sie so wenig von den Seelen und  Beweggründen der Mitmenschen, dass sie in ihren Bemühungen immer danebenliegt und bloß Verwirrung stiftet. Die unnötigen Komplikationen sind aber immerhin von weltliterarischer Bedeutung, denn niemand wird leugnen, dass „Emma“ zu den größten Romanen aller Zeiten zählt. Daher hat Jane Austens Werk auch schon sehr oft als Filmvorlage gedient.

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Farbenfrohe Tableaus

Nun hat sich die Fotografin und bisherige Musikvideo-Regisseurin Autumn de Wilde von dem Text zu ihrem ersten Langfilm anregen lassen. Man merkt tatsächlich jederzeit, dass sie über das geschulte Auge einer Fotografin verfügt: sie versteht es perfekt, ihre Figuren vor grandiosen Interieurs oder Landschaftskulissen in Szene zu setzen. „Emma“ ist ein wundervolles Ausstattungsstück und man könnte bei all den farbenfrohen Tableaus manchmal fast vergessen, auf die Feinheiten der Schauspielführung zu achten. Das wäre hier besonders schade, denn der Film lebt von solchen kleinen Details und jede hochgezogene Augenbraue oder jeder herabgezogene Mundwinkel sagen oft mehr als viele Worte.

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Ausdrucksstarke Gesichter

In erster Linie kann hier Anya Taylor-Joy („Split“ und „Glass“) als Titelheldin von ihrem ausdrucksstarken Gesicht Gebrauch machen, aber auch Mia Goth („Nymphomaniac 2“) als ihre Freundin Harriet weiß sich richtig in Szene zu setzen; und Bill Nighy spielt Emmas schrulligen Vater auf eine so herrliche Weise, wie nur er das fertigbringt: sein Mr. Woodhouse ist ein verknöcherter Alter, der panische Angst vor Zugluft hat und seine Diener ständig dazu anhält, Paravents in verschiedenen Größen zum Schutz vor ihm aufzustellen. Als es aber einmal darum geht, seine in Tränen aufgelöste Tochter zu trösten, steht er zunächst hilflos daneben und die Worte scheinen ihm zu fehlen, doch die Art, wie er sich dann zu ihr setzt, zeigt deutlich, dass diese scheinbar oberflächliche Person ein reiches Innenleben hat.

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Kleine Indiskretionen

So wird es uns auch bei anderen Figuren gehen: auf den ersten Blick neigen viele von ihnen dazu, als ihre eigenen Karikaturen aufzutreten, doch Autumn de Wilde stellt niemanden bloß, sondern bringt höchstens sanfter Ironie und leichtem Spott zur Geltung.  Außerdem entblößt die Regisseurin hier nicht nur feinfühlig Seelen – in einer kurzen Szene hebt Emma während eines unbeobachteten Moments ihren Rock, um sich am Feuer zu wärmen, und eine der männlichen Hauptfiguren steht gleich zu Beginn während der Morgentoilette splitterfasernackt da. Solche kleinen Indiskretionen ergeben einen erfrischend neuen Zugang zur klassischen Vorlage.

4 von 5 steifen Vikar-Krägen

Die Verfilmung von Jane Austens zeitlosem Klassiker ist Gesellschaftskomödie, Romanze und Charakterstudie zugleich.