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Filmkritik
01/14/2020

"1917": Unterwegs im Ersten Weltkrieg - von Kirschblüten zu Leichenbergen

"Bond"-Regisseur Sam Mendes inszeniert seinen Kriegsfilm über die Erlebnisse zweiter Soldaten in sensationeller Echtzeit-Optik.

von Franco Schedl

Wer wissen möchte, was es mit einem sogenannten ‚Himmelfahrtskommando‘ auf sich hat, sollte am besten die Soldaten Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman) fragen. Die beiden jungen Briten sind mitten im Ersten Weltkrieg in Nordfrankreich stationiert und erhalten an einem Tag im Jahr 1917 durch ihren Vorgesetzten einen brisanten Auftrag. Quer durchs Feindesland müssen sie eine entscheidende Botschaft überbringen, von deren raschen Übermittlung das Leben hunderter Kameraden abhängt (unter denen sich auch Blakes Bruder befindet).

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Ohne Schnitt gefilmt?

Erst kürzlich hat uns Peter Jackson durch nachträglich eingefärbte Originalaufnahmen in den Ersten Weltkrieg zurückversetzt. Regisseur Sam Mendes („American Beauty“, „Jarhead“, „Skyfall“) wählt nun einen traditionelleren Ansatz und erzählt eine fiktive Geschichte in Spielfilmform. Allerdings ist auch sein Projekt anspruchsvoll genug, denn er will zumindest den Anschein erwecken, alles in einer einzigen Einstellung gefilmt zu haben. Bereits in der Eröffnungsszene von „Spectre“, als Bond in Mexico-City am Tag der Toten unterwegs war, hat Mendes Ähnliches versucht und auch dort wurden Schnitte trickreich versteckt, um die Sequenz wie eine One-Take-Aufnahme wirken zu lassen. Genau dieses Verfahren wendet Mendes nun bei „1917“ an und wir fühlen uns dadurch wie in einem Echtzeitfilm, was die Dringlichkeit von Blakes und Schofields Mission dramatisch unterstreicht.

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Odyssee durch eine verwüstete Welt

Dabei beginnt alles so friedlich in einer blühenden Wiese unter einem Baum; doch diese Rast stellt für die beiden Soldaten nur eine kurze Pause dar, bevor sie zu ihrem Himmelfahrtskommando aufbrechen und sobald sie die Wände des  Schützengrabens überwunden haben, befinden sie sich in einer apokalyptisch anmutenden Landschaft: das Niemandsland ist eine Erd- und Schlammwüste, in der hie und da Pferdekadaver liegen oder tote Soldaten im Stacheldraht hängen, durchpflügt von tiefen Granattrichtern, wo metertief das Schmutzwasser steht, in dem ebenfalls Leichen schwimmen oder gekippte Panzer feststecken. Durch dieses unsichere und schwer zu durchquerende Gelände arbeiten sich unsere beiden Hauptfiguren mühsam voran, immer von einer extrem wendigen Kamera begleitet;  und in welche Lage die Zwei auch sind  - ob sie die Ruinen einer völlig zerstörten brennende Stadt betreten, oder einen verlassenen Bauernhof erreichen, in den Stromschnellen eines Flusses treiben oder durch labyrinthische Schützengräben hasten, ob sie in einen geradezu unwirklich schönen Blütenregen von Kirschbäumen geraten oder gleich danach einen Leichenhaufen unter sich haben - ,  die Kamera bleibt stets ganz nahe an ihnen dran.

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Ganz nah am Geschehen

Dadurch wird "1917" zu einem Film, der einen packt und regelrecht durchschüttelt. Derart authentisch in all seinen Schrecken war ein Kriegsgeschehen bisher wohl noch nie auf der großen Leinwand zu sehen. Viele werden jetzt vermutlich: "Und was ist mit Dunkirk?" fragen.  Christopher Nolans Kriegsfilm mag zwar seine Stärken haben (wozu vor allem der Soundtrack zählt), doch das Drehbuch war keineswegs perfekt: die Zersplitterung in drei Erzählstränge brachte es mit sich, dass eine der Hauptfiguren von einer Gefahrensituation in die andere geriet und wenn es am spannendsten wurde, wechselte die Handlung zu einer anderen Figur. Solche recht effekthascherischen Cliffhanger-Momente hat Mendes` Werk nicht nötig und kann sie sich auf Grund des Echtzeit-Prinzips auch gar nicht leisten. Das kommt der Glaubwürdigkeit zugute und der Film wirkt darum viel ehrlicher, direkter und intensiver.

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Wenige Stars

Eingerahmt wird das Werk übrigens durch zwei Stars:  Colin Firth und Benedict Cumberbatch spielen ranghohe Offiziere, von denen der eine anfangs, der andere am Ende zu sehen ist und zwar jeweils für maximal eine Minute. "1917" würde jedoch ohne weiteres auch funktionieren, wenn Mendes diese Rollen mit völlig unbekannten Darstellern besetzt hätte. Offenbar hoffte man, durch bekannte Namen noch ein paar Zuseher mehr in die Kinos zu locken. Aber gerade bei diesem Film ist jeder Marketingtrick erlaubt, damit ihn möglichst viele Menschen sehen.

5 von 5 Kirschbäumen in Granattrichtern

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Sam Mendes zeigt einen einzigen Tag vor dem Hintergrund des 1. Weltkriegs, an dem über das Leben und Sterben von über 1.600 Menschen entschieden wird.