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© Constantin Film

Filmkritik
09/21/2020

"David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück": Ein Leben wie aus dem Roman

Dev Patel, Tilda Swinton und Hugh Laurie pflegen in dieser mit Verfremdungseffekten arbeitenden Dickens-Verfilmung ihre Schrulligkeiten.

von Franco Schedl

Im Teenageralter hat sich Dev Patel als „Slumdog Millionaire“ einen Namen gemacht, nun steckt er mitten in einem viktorianischen Bestseller und lernt als David Copperfield eine Vielzahl unterschiedlichster Personen auf seinem Lebensweg kennen – zu denen auch Stars wie Tilda Swinton und Hugh Laurie gehören. Charles Dickens schrieb seinem Namen entsprechend nur dicke Romane, daher ist eine Filmlaufzeit von zwei Stunden gerade kurz genug.

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Unveränderte Charakterzüge

Regisseur Armando Iannucci hatte ja schon für seinen vorigen Film einen historischen Stoff gewählt. Damals war es allerdings die Stalin-Ära und es handelte sich um eine unglaublich witzige Polit-Satire. In „The Death of Stalin“ trafen wir auf Wendehälse, Speichellecker, Feiglinge, Charakterschweine und Opportunisten. Die jetzige Handlung ist zwar über ein Jahrhundert früher angesiedelt, doch wir erkennen bald, dass sich die Menschen auch zur Dickens Zeiten kaum von den späteren unterschieden haben.

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Zuschauer bei der eigenen Geburt

Das stark autobiografisch gefärbte Werk erzählt die Geschichte eines künftigen Schriftstellers, der allen Entbehrungen und Anfechtungen seiner Kindheit und Jugend trotzt und sich mühsam zum Erfolg hocharbeitet. Sein eigenes Leben ist der Stoff, aus dem unser  Held einen Bestseller gemacht hat und folgerichtig tritt David zu Beginn auch in einem vollbesetzten Theater vor das Publikum, um aus seinem Werk vorzulesen (Dickens war übrigens selbst ein gefeierter Vortragskünstler seiner eigenen Schriften), verlässt die Bühne aber gleich darauf, um durch den Vorhang direkt in sein früheres Leben einzutreten. Ja, er wird sogar der eigenen Geburt als Kommentator beiwohnen.

 

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Verfremdungseffekte

Der junge David beginnt bereits in frühen Jahren zu schreiben und hält auf einer Vielzahl von Zetteln einzelne geglückte Sätze fest, die er in einer Schatulle verwahrt.  Aus all diesen Papierschnitzeln wird sich dann eines Tages sein großes Buch zusammenfügen. Iannucci selbst hat durch ein ähnliches Verfahren einen zutiefst überzeugenden Film hervorgebracht und kann allerlei Finessen bieten. Er setzt den berühmten Text mit einer Überfülle an visuellen Einfällen um und verwendet dabei bevorzugt das Mittel der Verfremdung, damit uns immer aufs Neue deutlich vor Augen geführt wird, dass wir eigentlich einer Erzählung folgen. Da dringt plötzlich eine riesige Hand durch einen Plafond, ein anderes Mal fliegt eine Wohnungswand wie eine Zeltplane im Wind zur Seite und wir befinden uns mitten auf einer Wiese. Eine Szene wird im Stil eines Stummfilms mit Musikbegleitung inszeniert, und wenn sich David erstmals verliebt, sieht alle Welt um ihn herum wie die Geliebte aus (sogar der Kutscher oder ein bekanntes Londoner Bauwerk).

 

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Soziale Utopie durch Diversität

Das Elend ist hier allgegenwärtig: Kinder müssen in Fabriken arbeiten, Leute sind in Massenquartieren zusammengepfercht oder leben gleich ganz auf der Straße und schlafen im Rinnstein. Trotzdem atmet der Film etwas von einer sozialen Utopie, denn dank ungewöhnlicher Besetzung lässt Iannucci - selber ein Schotte mit italienischen Wurzeln - vor uns eine multikulturelle Vielfalt entstehen, die zu Dickens Zeit wohl recht unwahrscheinlich gewesen wäre. Das beginnt ja offensichtlich bereits mit der Wahl des Hauptdarstellers: David Copperfield wurde gewiss noch nie durch einen Inder verkörpert. Ein Vorarbeiter in der Flaschenfabrik ist ebenfalls Inder, die Internatsschüler erscheinen auch als sehr gemischter Haufen, ein Verleger mit offenkundiger Schwäche für Alkohol ist Asiate, seine Tochter eine Schwarze, und auch die frostige reiche Mutter eines weißen Freundes wird durch eine Farbige verkörpert. So führt der Regisseur seine Verfremdungseffekte auf anderer Ebene weiter.

 

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Ein böser Schleicher namens Heep

Wie üblich gibt es bei Dickens immer genügend Exzentriker und schrullige Figuren. Tilda Swinton kommt als Davids Tante mit einer Abscheu vor Eseln eine tragende Rolle zu; Hugh Laurie verkörpert ihren Hausfreund Mr. Dick, einen Sonderling, der von einer seltsamen fixen Idee besessen ist: Er glaubt, die Gedanken des enthaupteten Königs Karl I. weiterdenken zu müssen und findet nur im Drachensteigen Erleichterung für seinen Kopf.  Sehenswert ist ebenfalls „Doctor Who“-Darsteller Peter Capaldi als Schuldenbeutel Mr. Micawber, dem seine Gläubiger am liebsten noch die Haare vom Kopf wegpfänden würden.  Und dann gibt es schließlich Ben Whishaw: Er spielt mit Reindlfrisur und Gesichtstick Uriah Heep, den Prototyp eines gefährlichen Schleichers und skrupellosen Aufsteigers. Ein tröstlicher Gedanke übrigens, dass eine einzige Figur für alles Böse verantwortlich ist und dafür zur Rechenschaft gezogen werden kann, damit das Gute endlich siegt.

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