Filmkritiken
06.10.2017

"Happy End": Momentaufnahme einer bürgerlichen Familie

Das neue Werk vom österreichischen Starregisseur Michael Haneke bleibt unter den Erwartungen.

Am Anfang war das Handy

Die zwölfjährige Eve (Fantine Haduin) filmt den körperlichen und psychischen Zerfall ihrer Mutter. Ein Video, wie sie ihren Hamster tötet, lässt erahnen, wozu das unscheinbare Mädchen im Stande ist. Kaum hat man sich aus der Enge der Handykamera befreit, schon passiert die nächste Katastrophe: Auf einer Baustelle löst sich das Erdreich und ein Arbeiter wird schwer verletzt. So weit so gut, man kennt Haneke für seine wuchtigen Expositionen.

Dann kam die Familie

Wie bei Haneke üblich, geht es nicht um einzelne Figuren, sondern um das große Ganze, um uns Alle, deshalb erzählt er auch in „Happy End“, wie in seinen bisherigen Filmen, aus mehreren Perspektiven. Da gibt es den suizidgefährdeten George ( Jean Louis Trintignant), die Chefin des Bauunternehmens Anne (Isabelle Huppert), ihren Geliebten Lawrence (Toby Jones), den untreuen Thomas (Mathieu Kassovitz) und den überforderten Sohn Pierre (Franz Rogowski). Ähnlich wie in seinem Meisterwerk „Code Inconnu“ soll der Ist-Zustand einer Gesellschaft gezeigt werden. Das größte Problem von "Happy End" ist jedoch genau diese Vielzahl an Figuren und ihre unüberschaubaren, individuellen Probleme, die sie mit sich bringen. Vier verschiedene Themen, die Haneke in vier verschiedenen Filmen behandelt hat, stecken nun in einem, diese Themenvielfalt geht sich in der Erzählung leider selten aus.

Zu viele Figuren

Happy End“ will bewusst keine Spannung erzeugen, sondern zeigt lediglich Fakten. Wo andere Regisseure einen misslungenen Selbstmordversuch detailliert erzählen, steigt Haneke im Krankenbett ein. Sein Erzählstil hat sich bei fast allen seiner Dramen bewährt, doch in seinem neuen Werk fehlt es an emotionaler Dichte. Bevor man die einzelnen Konflikte den Figuren zuordnen kann, wird der Zuseher mit neuen Problemen der Laurents konfrontiert, die leider zur Überforderung des Publikums führen. Erst nach dem zweiten Mal Sehen, erschließt sich der Sinn mancher Szenen, was nicht damit zusammenhängt, dass man kein aufmerksamer Zuseher ist, sondern mit der bereits erwähnten Vielzahl an Figuren.

Plansequenzen

Haneke legt großen Wert auf Präzision in der visuellen Umsetzung seiner Drehbücher. Kein Schnitt darf zu viel sein. In langen Plansequenzen begleitet er seine Charaktere durch ihren Alltag, was teilweise zu Längen in der Erzählung führt. Die Kameraarbeit von Christian Berger ist großartig, durch sein selbstentwickeltes Lichtsystem schafft er es, einzigartige Stimmungen zu kreieren ohne dabei aufdringlich zu werden.

Großartige Schauspieler

Das Schauspielensemble besticht mit großen Namen. Von Trintignant bis Rogowski stehen nur Meister ihres Fachs vor der Kamera. Der auch als Regisseur tätige Mathieu Kassovitz muss sich hier genauso wenig verstecken wie die 13 jährige Fantine Haduin. Alle liefern großartige Leistungen ab, was wieder einmal Hanekes Talent im Umgang mit Schauspielern beweist.

Happy End“ gehört leider zu den weniger gelungenen Filmen von Michael Haneke. Er trifft mit seinen Themen den Zeitgeist, aber bleibt in der Umsetzung zu leblos.

7 von 10 ungebetenen Gästen

Özgür Anil