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Filmkritiken
11/28/2018

„The house that Jack built“: Lars von Trier im Selbstgespräch

Sechs Jahre nach seiner Verbannung feiert die „Persona non Grata“ ihre fulminante Rückkehr auf die Filmfestspiele von Cannes.

Jack ( Matt Dillon) ist gelernter Ingenieur, wäre aber gerne Architekt. Er hat sich ein Grundstück an einem See gekauft und ist dabei, sich sein Traumhaus zu entwerfen. Eigentlich wirkt Jack mit seiner schrulligen Brille wie jeder andere unauffällige Mann aus den USA der 70er, doch er hat ein Geheimnis, er ist ein Serienmörder. Er erzählt dem Fuhrmann Verge (Bruno Ganz) von fünf Vorkommnissen, die seine Taten nachvollziehbar machen sollen. Jack sieht in seinen Morden keine brutalen Gewaltakte sondern empfindet sich als einen Künstler, der mit jeder Leiche ein neues Werk erschafft.

Gemetzel

Eines vorweg: „The house that Jack built“ ist ein höchst brutaler Film. Bei der Premiere in Cannes verließen mehrere hundert Journalisten den Saal, deshalb sollte man sich als zartbesaiteter Zuseher vielleicht für einen anderen Film entscheiden. Man sollte sich aber bewusst sein, dass die Gewaltdarstellung in Triers Filmen hauptsächlich zur Provokation dient. Hier diskutieren die zwei Protagonisten sogar darüber, ob Gewaltakte nun als Kunst gelten könnten oder ob die Tötung von den Schwächsten in unserer Gesellschaft keinen Platz im Kino haben sollte. Wer bereit ist, sich diesem und ähnlichen Diskursen im Film zu öffnen, hat die Möglichkeit, viel über sich und die Wirkung von Kunstwerken zu erfahren. Trier kreiert eine Welt, die weder realistisch noch logisch ist. Mit diesem Umstand sollte man sich so schnell wie möglich abfinden, da es nicht darum geht, ob Jack nun von der Polizei gefasst wird oder nicht.

Enfant terrible

Der inzwischen 62 jährige Lars von Trier machte viele Wandlungen in seiner Karriere durch. In den 80ern legte er noch großen Wert auf präzise einstudierte Kamerafahrten und hielt Schauspieler für ein Übel, das notwendig war, um Filme zu machen. In den 90ern war er federführend bei der „Dogma 95“-Bewegung, die sich für die künstlerische Akzeptanz einfachster Produktionsmittel einsetzte und die Schauspieler in den Vordergrund rückte. Nach seinem Sieg in Cannes mit „Dancer in the Dark“ schien es so, als hätte der Provokateur nun endlich seinen Stil in der Welt der Mini DV-Kameras gefunden, doch wechselte drei Jahre später mit „Dogville“ wieder seinen filmischen Zugang. „The house that Jack built“ ist formal mit seinem letzten Skandalfilm „Nymphomaniac“ zu vergleichen. Der Regisseur packt seine widersprüchlichen Ideen in zwei Figuren hinein und lässt sie zweieinhalb Stunden miteinander diskutieren. Die Handlung gerät dabei oft in den Hintergrund, ausschweifende Gespräche über Kunst und Moral werden mit Archivaufnahmen und Fotos zu kleinen poetischen Meisterwerken verdichtet.

Selbstkritisch

The house that Jack built“ liegt eine tiefe Melancholie zugrunde. Viele unterstellen dem dänischen Regisseur inhaltlose Provokation, doch spätestens mit diesem Film sollte klar sein, dass sich Trier niemals außerhalb der moralischen Dilemmata sieht, in die er sein Publikum mit seinen Werken lockt. Die Geschichte über einen skrupellosen Serienmörder ist die selbstkritischste Arbeit des Filmemachers und setzt erneut neue Maßstäbe im internationalen Kino.

5 von 5

Özgür Anil