Filmkritiken
25.01.2017

"Hacksaw Ridge": Glaubensstark und waffenlos im Weltkrieg

Nicht frei von Pathetik erzählt Mel Gibson die wahre Geschichte eines amerikanischen Kriegshelden, der keine Waffe angerührt hat.

Er kommt aus den tiefsten Wäldern Virginias und wird von seinen neuen Kameraden auch sofort als Hinterwäldler bezeichnet. Desmond Doss wirkt wie ein weltfremder Träumer, der mit Anfang 20 noch nicht sehr weit über das elterliche Grundstück hinausgekommen ist. Doch man sollte ihn keinesfalls unterschätzen. So kann er zum Beispiel durch seine unverfälschte Aufrichtigkeit das Herz einer Krankenschwester für sich gewinnen und alles müsste theoretisch auf ein verfrühtes Happy End zusteuern, wenn da nur nicht Pearl Harbour und der Pazifikkrieg wären.

Ausbildung zum Himmelfahrtskommando

Wie fast alle seine Altersgenossen will Desmond unbedingt auch an die Front, aber nicht, um zu töten, sondern um als Sanitäter Leben zu retten. Aus Glaubensgründen weigert er sich standhaft, während der Grundausbildung eine Waffe anzufassen und landet dafür fast vorm Kriegsgericht, bevor eine Intervention von unerwarteter Seite doch noch einen Kriegseinsatz ohne Waffe zu Stande bringt. Das große Abschlachten im Kampf um die Insel Okinawa kann somit beginnen: Die US-Soldaten müssen sich über Netze eine Felswand hocharbeiten, bevor sie dann auf der öden und vom Kampf verwüsteten Hochfläche vor die Gewehre der Japaner geraten – diese Gegner haben sich in Bunkern verschanzt und die ganze Insel mit Geheimgängen unterminiert, weshalb sie selbst den schwersten Beschuss fast unbeschadet überstehen. Die Amerikaner haben kaum Chancen, hier durchzudringen und ihr Angriff wirkt wie ein reines Selbstmordkommando.

Desmonds große Stunde

Nachdem auch der neueste Ansturm von den Japanern abgewehrt wurde, und die stark dezimierten US-Truppen an den Strand zurückgekehrt sind, ist nur ein einziger unverletzter Amerikaner auf der Hochfläche zurückgeblieben – Desmond. Sein großer Moment ist nun gekommen, denn in den nächsten Stunden wird er im Alleingang Dutzende seiner verwundeten Kameraden vom Schlachtfeld bergen und jeden Einzelnen von ihnen über die Steilwand abseilen. Als er dann endlich doch eine Waffe anfasst, tut er das nur, um sie für eine Rettungsaktion zweckentfremdet einzusetzen.

Siegeszug für Gibson

Der Film hat bei seiner Uraufführung in Venedig minutenlange Standing Ovations ausgelöst und wurde inzwischen für sechs Oscars nominiert. Das klingt zwar schon etwas übertrieben, denn das Werk ist nicht frei von Pathetik, doch unter Mel Gibsons bisherigen Regiearbeiten kann diese zweifellos als gelungenste gelten. Krieg ist nun mal eine blutige Angelegenheit und wie man seit „Braveheart“, „Apocalypto“ oder "The Passion of the Christ" weiß, ist gerade Gibson beim filmischen Einsatz von Gewalt niemals zimperlich gewesen. Hier entfesselt er fast über eine volle Stunde hinweg das Inferno einer Schlacht, die Vergleiche mit Spielbergs „Saving Private Ryan“ oder Eastwoods „Flags of Our Fathers“ bzw. „Letters from Iwo Jima“ nicht zu scheuen braucht.

„Spider-Man“ Andrew Garfield spielt Desmond Doss als amerikanischen Parzival und verbirgt hinter einem Lächeln voll bezwingender Naivität eine unerbittliche aber sympathische Sturheit. In einer wichtigen Nebenrolle zeigt Hugo Weaving als sein Filmvater einmal mehr, welch großer Charakterdarsteller in ihm steckt.

8 von 10 schutzlosen Rettungspunkten.

franco schedl

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