Filmkritik: Joaquin Phoenix brilliert als Joker

© Warner Bros.

Film-Tipps
12/27/2019

Die 16 besten Filme des Kinojahres 2019

Diese in der einen oder anderen Weise großartigen Kinofilme des Jahre 2019 sind die Lieblinge von film.at, die wir euch ans Herz legen, falls ihr sie noch nicht gesehen habt.

von Erwin Schotzger

16. The Irishman

In diesem Schwanengesang auf das von Martin Scorsese geprägte Genre des Gangsterfilms und sein eigenes Schaffen folgt der Meisterregisseur dem langen Leben des irischen Mobsters Frank „The Irishman“ Sheeran, über mehrere Jahrzehnte dargestellt von Robert DeNiro. Mit Hilfe der De-Aging-Technologie werden DeNiro, Al Pacino und Joe Pesci digital verjüngt. Alleine deshalb ist das von Netflix produzierte Mobster-Epos schon sehenswert, bei einer Länge von 210 Minuten braucht es allerdings Sitzfleisch. Inzwischen ist "The Irishman" auch bei Netflix zu sehen.

 

15. Marriage Story

Der Kultregisseur Noah Baumbach ("Frances Ha") gilt als der "neue Woody Allen". Sein neuer Film ist eine herzzerreißende Tragikomödie über Liebe und Trennung, inspiriert von Ingmar Bergmans Meisterwerk "Szenen einer Ehe". „Marriage Story“ punktet trotz der traurigen Thematik vor allem durch humorvolle Dialoge und liebenswürdige Charaktere. Inzwischen ist "Marriage Story" auch bei Netflix zu sehen.

 

 

14. Once Upon A Time in Hollywood

Der offiziell neunte und damit nach eigenen Angaben des Kultregisseurs vorletzte Film von Quentin Tarantino scheidet die Geister: Die einen sprechen von einem puren Tarantino-Film, manche sogar von seinem besten Film seit Jahren. Die anderen von einer Enttäuschung, zumindest gemessen an den hohen Maßstäben, die an Tarantino-Filme gestellt werden. Wir stehen irgendwo in der Mitte! Jedenfalls sind wir der Meinung, dass Tarantino hier ein recht selbstverliebtes Werk abgeliefert hat und sich alle Zeit der Welt nimmt, um sein – wie er es selbst nennt – Hangout-Movie zu erzählen. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Trotzdem ist das Jammern auf hohem Niveau, denn so oder so ist auch der neue Tarantino immer noch ein sehenswertes Kinoerlebnis.

 

13. Ad Astra

In dem Weltraum-Abenteuer mit Brad Pitt als Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) treibt Regisseur James Gray den bereits durch Filme wie "Gravity", "Interstellar" und "Aufbruch zum Mond" eindrucksvoll gezeigten Realismus auf die Spitze: Zu einem hypnotischen Soundtrack sucht McBride am Rande des Sonnensystems nach seinem verschollenen Vater. Dabei erleben wir Rettungsaktionen im All, Verfolgungsjagden in Mondkratern, Schusswechsel im luftleeren Raum und das Leben auf Mond, Mars und Raumschiffen so realistisch wie nie zuvor.

 

 

12. Wir

In diesem Horrorfilm verbindet Jordan Peele das Gruselerlebnis wieder mit Sozialkritik. Doch im Gegensatz zum Oscar-nominierten Erstlingswerk "Get Out" kommt „Us“, so der Originaltitel, ohne satirische Zwischentöne aus und ist wesentlich blutiger.

 

 

11. Motherless Brooklyn

Mit seiner zweiten Regiearbeit "Motherless Brooklyn" hat Edward Norton einen gelungenen Hard-Boiled-Detective-Krimi im New York der 50er-Jahre abgeliefert, der nicht nur durch eine spannende Story besticht: Zu einem großartigen Jazz-Soundtrack wirbelt der Privatdetektiv Lionel Essrog (Norton) durch seine Nachforschungen so viel Staub auf, dass er ins Visier des mächtigen Politikers  Moses Randolph (Alec Baldwin) gerät. Ein Noir-Krimi der alten Schule.

 

10. Long Shot

Die seit Jugendtagen politisch engagierte US-Außenministerin Charlotte Field (Charlize Theron) tritt bei den US-Präsidentschaftswahlen an. Unerwartete Unterstützung erhält die intelligente und integre Kandidatin dabei vom ehemaligen Aufdeckungsjournalisten Fred Flarsky (Seth Rogen), der ihr neuer Redenschreiber wird. Fred ist nicht nur systemkritisch und unangepasst, sondern war früher auch in Charlotte verknallt. Denn die möglicherweise nächste US-Präsidentin war seine Babysitterin in Kindheitstagen. Ob das gut geht? Die bissigste Komödie des Jahres ist ein politisch inkorrekter Kinospaß für Erwachsene.

 

 

9. Lara

Die Tragikomödie von "Oh Boy!"-Regisseur Jan Ole-Gerster ist der mit Abstand beste deutsche Film des Jahres: Sogar die kleinsten Nebenfiguren sind facettenreich gestaltet. Ständig wird man von den schrulligen Charakteren überrascht und ist zu Tränen gerührt, wenn man die Ursachen ihrer Eigenheiten erfährt. Es ist schlicht nicht vorhersehbar, wohin sich die Geschichte entwickelt, als Lara (Corinna Harfouch) an ihrem 60. Geburtstag sämtliche Restkarten des Klavierkonzertes ihres Sohnes Viktor aufkauft und an Freunde, Bekannte und alle Menschen verteilt, die sie an diesem Tag trifft.

 

 

8. Vox Lux

Im Mittelpunkt dieses beeindruckenden Kinoerlebnisses steht die von Natalie Portman gespielte Sängerin Celeste. Über 18 Jahre, beginnend im Jahr 1999, wird ihr Aufstieg zum Superstar erzählt, nachdem sie als Jugendliche eine Massenschießerei an ihrer Schule überlebt hat. Ihr Leben wird zum Spiegel der US-Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Die Songs von Celeste, mit Texten des realen Popstars Sia, wurden als Album veröffentlicht. "Vox Lux" ist ein epischer Spiegel der Zeit, der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt. Ein Film, der ein anhaltendes Beben beim Zuseher erzeugt.

 

 

7. Ayka

Die junge Kirgisin Ayka (Samal Yeslyamova) wollte sich in Moskau eigentlich mit einer Nähwerkstatt selbstständig machen. Doch für die illegal in der russischen Hauptstadt lebende Frau läuft es nicht gut. Mit Schwarzarbeit hält sie sich über Wasser. Als ihr Gangster ein zweitägiges Ultimatum stellen, um ihre Schulden zu bezahlen, beginnt ein Höllenritt durch das eisige Moskau.

Der ehemalige Dokumentarfilmer Sergey Dvortsevoy inszeniert ein sinnliches Kinoerlebnis über das Überleben am Existenzminimum. Seine Hauptdarstellerin überzeugt mit der Natürlichkeit einer Laiendarstellerin und der Wandlungsfähigkeit einer arrivierten Schauspiellegende. Für ihre beeindruckende Leistung wurde Yeslyamova bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis als beste Darstellerin ausgezeichnet. "Ayka" ist ein beklemmendes Kino-Meisterwerk, das einen bleibenden Eindruck beim Publikum hinterlässt.

 

6. Booksmart

Smarte und ebenso unterhaltsame Coming-of-Age-Komödie: Die beiden besten Freundinnen Molly (Beanie Feldstein) und Amy (Kaitlyn Dever) sind Super-Streber. Ihre Bestnoten garantieren ihnen eine glänzende Zukunft an Elite-Unis. Doch als Molly am letzten Schultag feststellt, dass es auch die Partygirls an die besten Unis geschafft haben, rastet sie aus. Amy stimmt widerwillig zu, in einer Nacht alles nachzuholen und legendär zu feiern. Es gibt nur ein Problem: Keiner hat die beiden Spaßbremsen zur großen Abschlussparty eingeladen. Nun gilt es schleunigst herauszukriegen, wo die Party stattfindet und sich dann in eine Nacht zu stürzen, die Lektionen für das Leben bereithält, die man nicht aus Büchern lernen kann.

 

5. Joker

Die düstere Entstehungsgeschichte des legendären Batman-Schurken verfilmt von "Hangover"-Regisseur Todd Phillips hat in diesem Jahr viel Aufsehen erregt. Der Killerclown aus den DC-Comics dient nur als vage Vorlage. Die Erwartungen an Hauptdarsteller Joaquin Phoenix nach der kultigen Darstellung des Charakters durch Heath Ledger in "The Dark Knight" (2008) waren enorm hoch – und Phoenix hat diese Erwartungen mit Bravour erfüllt. Sein Joker ist ein völlig anderer Charakter, aber nicht minder faszinierend. Der Film lebt vor allem durch das beeindruckende Schauspiel des Hauptdarstellers, ist aber auch darüber hinaus eine cineastische Augenweide.

 

 

4. Under the Silver Lake

Dieser filmische Fiebertraum von Writer/Director David Robert Mitchell ("It Follows") lief leider nur kurz in den heimischen Kinos. In dem bizarren Meisterwerk voller popkultureller Referenzen irrt der ebenso ziellose wie arbeitslose Sam (Andrew Garfield) durch Los Angeles auf der Suche nach seiner verschwundenen Nachbarin, die er kaum kannte. Es empfiehlt sich auf jedes kleine Detail zu achten, denn Mitchell packt seinen Film voll mit paranoiden Andeutungen, Codes, Symbolen und Zahlenspielen. Diese vielen unterschwelligen Botschaften und skurrilen Verschwörungstheorien machen das seltsame Drama zu einer wahren Freude für Fans von skurrilen Popkultur-Mythen. Inzwischen ist das surreale Kinoabenteuer auch bei Amazon Prime zu sehen.

 

 

3. Parasite

Mit "Parasite" hat der südkoreanische Meisterregisseur Bong Joon Ho ("Okja", "Snowpiercer", "Mother") in diesem Jahr erstmals die Goldene Palme von Cannes nach Südkorea geholt. Das fulminante Filmspektakel ist ein einzigartiger Genre-Mix: Am Anfang glaubt man in einem Sozialdrama zu sitzen, wenn Ki-woo (Woo-Sik Choi) versucht als Nachhilfelehrer bei einer wohlhabenden Familie seine ganze Familie aus der Armutsfalle zu befreien. Doch dann wird aus "Parasite" eine Komödie, dann auch noch ein Liebesdrama, plötzlich kommen Horror-Elemente ins Spiel und kaum glaubt man, den Film einordnen zu können, fliegt einem eine Action-Szene um die Ohren. Diese ständigen Stimmungsschwankungen machen den Film zu einem der eindrucksvollsten Kinoerlebnisse des Jahres.

 

 

2. The Favourite

Das Königreich durchlebt stürmische Zeiten, aber die britische Königin Anne (Olivia Colman) ist ohne ihrer Beraterin Sarah(Rachel Weisz) unfähig, Entscheidungen zu treffen. Die Beiden sind ein heimliches Liebespaar und nutzen den Hof als ihr Lusthaus. Als Sarahs Cousine Abigail (Emma Stone) ins Königshaus kommt, ändert sich alles. Regisseur Yorgos Lanthimos vermischt in dieser bissigen Farce über Intrigen im britischen Könighaus des 18. Jahrhunderts historische mit zeitgenössischen Elementen zu einer absurden Komödie. "The Favourite" legt keinen Wert auf die Abbildung historischer Tatsachen und wurde wohl auch deshalb mit dem Silbernen Löwen bei den 75. Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet.

 

 

1. Vice – Der zweite Mann

Dieses fantastische Biopic der etwas anderen Art ist nicht nur wegen der unglaublichen Verwandlung von Christian Bale in den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney sehenswert, für das Bale mehr als 25 Kilogramm zulegte. Auch die restliche Besetzung brilliert, neben Bale vor allem Sam Rockwell als US-Präsident George W. Bush. Vor allem aber hat Writer/Director Adam McKay hier eine bitterböse Komödie abgeliefert, die durch ein wahres Feuerwerk an originellen Ideen fasziniert. Wer ist zum Beispiel der anonyme Erzähler des Films, aus dessen Sicht das Leben von Dick Cheney beleuchtet wird? Die Auflösung ist so absurd, lustig und ebenso traurig, jedenfalls so unerwartet, dass sie in Erinnerung bleiben wird. Selten zuvor wurde ein Politikerleben so amüsant und gleichzeitig so treffend und aussagekräftig verfilmt.